Eines wird direkt am Anfang deutlich: Dieser Theaterabend soll anders sein als die herkömmlichen Vorstellungen im TNL. Denn die Inszenierung von Prima Facie findet im Justizgebäude statt. Man nimmt nicht im Saal eines Theaters Platz, das Publikum wird vielmehr zum voyeuristischen Akteur und Teil eines Gerichtsprozesses. Suzie Miller, australisch-britische Autorin des Ursprungsromans, ist selbst Juristin. TNL-Intendant Frank Hoffmann hat Prima Facie bereits am Trierer Landgericht inszeniert.
Die Idee klingt gut. Das Publikum wird zur Requisite. Das Justizgebäude wirkt einschüchternd, und doch ist der beleuchtete Raum zu groß, wenn es hell wird, gar grell. Denn das Tribunal ist keine Bühne.
Die aufstrebende Strafrechtsanwältin Tessa (Carolin Freund) ist erfolgreich. Sie kennt alle Finten, um Freisprüche zu erreichen, auch wenn die Beweislage aussichtslos erscheint. Ihre Spezialität sind schwierige Fälle, etwa sexuelle Straftaten, in denen sie sorgfältig Fehler der Anklage aufdeckt. Das gelingt ihr so lange souverän („Es ist Dein Spiel – koste es aus. Es ist purer Instinkt!“), bis sie selbst Opfer einer Vergewaltigung durch einen Arbeitskollegen wird.
Publikum als voyeuristischer Akteur
Eine Frau legt sich zu Beginn im Nachthemd auf eine Bahre inmitten des Gerichts. Alle Augen liegen auf ihr. Über eine Video-Projektion auf einer Leinwand wird ihr Gesicht gespiegelt. Eine Stehlampe leuchtet sie grell an, wird immer heller, bis sie sie blendet.
Sie richtet sich auf, dreht sich resolut zum Publikum, stellt Fragen, blättert Akten durch: „Der Richter weiß Bescheid, ich lasse den Zeugen schwimmen.“
Carolin Freund verkörpert die Strafrechtsanwältin Tessa. Sie zeichnet ihren ehrgeizigen Weg aus der saarländischen Provinz zur Anwältin nach: „Die Muskeln gespannt, bereit für den Sprint“; „sei sprungbereit, sobald die Gegenseite ins Stocken gerät!“.
Wenn im Gerichtssaal die Verführung durch einen Kollegen nacherzählt wird – (zu) viel Prosecco und Sweet dreams (Eurythmics) – fällt der Saal in rosa Licht. Tessa wirbelt im Kreis herum, dreht sich, streift ihre High Heels ab und springt im kurzen Rock überdreht durch den Gerichtssaal: „Wir müssen die Gesellschaft schützen“, ruft sie anfangs noch im Brustton der Überzeugung aus und „Ich hab seit Wochen keinen Fall mehr verloren; fühlt sich irgendwie gut an!“ Als Verteidigerin sitzt sie im kurzen Rock meist in lasziver Pose mit übereinander geschlagenen Beinen.
Klischee der ambitionierten Anwältin
Das mittlerweile zum Klischee gewordene Bild einer überambitionierten Anwältin wird deutlich bemüht. Sie wird heran- und wieder weggezoomt, während sie vorträgt. Das Gesetz schütze jeden; aber es gebe immer diese Frage, wie kannst Du jemanden verteidigen, von dem Du weißt, dass er es war?
Es ginge darum, niemanden vorzuverurteilen; man erzähle eben (s)eine Geschichte! – Prima Facie, lateinisch „auf den ersten Blick“ stehe im juristischen Zusammenhang für die Annahme, dass eine Situation so betrachtet werden müsse, wie sie logisch und „normal“ erscheine. Und: „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten heißt: Niemand dürfe vorverurteilt werden. Solange keine Schuld nachzuweisen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Doch dann wird Tessas Kollege Julian nach einer durchfeierten Nacht ihr gegenüber übergriffig.
Auf einmal steht Tessa auf der anderen Seite, verteidigt nicht den Sexualstraftäter, sondern klagt ihn an und muss selbst die Beweise erbringen, die sie sonst widerlegt hat. Vor Gericht, einer Situation, die sie bisher immer so gut im Griff hatte, fühlt sie sich nun ausgeliefert.
Grenzen verschwimmen
Zu viel Wodka, plötzlich küsst sie ihren Kollegen und sie treiben es wild in der Kanzlei. Vor dem nächsten Date mit ihm kauft sie sich ein neues rotes Kleid, bereitet vorher aber noch alles vor; und dann geht alles sehr schnell. Der Akt wird zu schlechter Musik (Coldplay) vollzogen. Im Luxemburger Justizgebäude legt sich die Schauspielerin lasziv und halb nackt auf den Tisch in der Mitte des Gerichtssaals. Der Grat zwischen ungehemmtem Sex und Vergewaltigung ist schmal. Die Grenzen dessen, was sie will, verschwimmen – angesichts des berauschten Zustands.
Irgendwann kotzt sie, läuft weg aus ihrer eigenen Wohnung; landet bei einem Taxifahrer, der ihr sagt: „Sorry, Schätzchen, isch fahr nur Flughafen!“ Müssen Witze über das schlechte Deutsch von Taxifahrern mit Migrationshintergrund wirklich sein?
Später wird man ihr vorwerfen, sie sei alkoholisiert gewesen. Die Rechnung beweise, dass sie viel Sake und Rotwein getrunken habe ... Sie: „Es steht so viel auf dem Spiel!“ – „Aber in mir ist auch dieses Mädchen, das so viel durchgemacht hat.“
Gegen Ende fällt der Gerichtssaal in gleißendes Licht. Ihre Mutter ist vor Gericht erschienen, hat ihr ein Sandwich mit Erdbeermarmelade mitgebracht und knetet nervös ihre Finger (immerhin wird dies nur per Videoprojektion gezeigt). Sie steht am Pranger – „diesmal ohne Anwaltsausrüstung“.
Misslungener Spagat
Und das, nachdem sie seit 560 Tagen wartet – einer Zeit, in der sie ihrem Kollegen seit dem Vorfall wieder und wieder begegnete. Der Schlusssatz hängt schließlich wie ein Fremdkörper in der Luft: „Irgendwie, irgendwas muss sich ändern!“ Während das Publikum zum Mittrufen animiert wird und skandiert: „Irgendwas muss sich ändern!“
Durch die Verlagerung der Aufführung in den Gerichtssaal werde es zu einem „menschlichen Plädoyer“, das auch über den realen Ort erfahrbar mache, wo gerade aus Opfersicht die Schwächen des Rechtssystems liegen“, liest man in der Ankündigung.
„Frank Hoffmann versucht den Spagat, das Theaterstück mit der besonderen Atmosphäre des Gerichts zu verbinden“, heißt es überdies. Leider gelingt dieser Spagat nicht. Die Belichtung im Saal ist zu grell, die Dialoge sind plakativ, und so wirkt diese Inszenierung eines komplexen Themas streckenweise wie ein Klischee-überzeichnetes ZDF-Justizdrama. Die Message, dass es keine Gerechtigkeit geben kann, wird mehr als überdeutlich vermittelt.
Frau verlässt diesen Abend und stellt sich (Grundsatz-)Fragen: Wozu dieses nicht sehr facettenreiche Experiment? Sollten #Metoo-Themen im Theater nicht eher doch von Frauen inszeniert werden, auch wenn das allein noch keine Garantie ist, um den – ohnehin schon auf den Kino-Leinwänden – omnipräsenten male gaze, den männlichen, sexualisierten Blick auf Frauen, auch im Theater zu durchbrechen? Vielleicht wäre es eine weniger stereotype Geschlechterdarstellung auf der Bühne geworden, die letztlich noch Teil des Schlamassels ist, in dem wir stecken.