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leitartikel

Global verengt

Stéphanie Majerus

„Eng vun den Haaptkonsequenzen fir Europa vun dësem Krich spiere mer all“, begann das „Journal“ von RTL-Télé vergangenen Freitag. „Den Diesel kascht elo schon zanter e puer Wochen iwwer zwee Euro de Liter“, fährt die RTL-Nachrichtensprecherin fort. „Ich glaube, was die Leute gerade beeindruckt, sind die Preisexplosionen – der Krieg findet an unseren Tankstellen statt“, analysiert zehn Minuten später Jean-Claude Juncker (CSV) in einem Interview. Wie es auf dem Lebensmittelmarkt weitergehen werde, sei kaum Thema (auch nicht eine mögliche Wirtschaftskrise).

Am Wochenende legte das Tageblatt mit einer Recherche über die Innenansicht einer Tankstelle nach. „Et ass eng gelugnen Situatioun“, erläuterte ein Tankstellenbesitzer aus Rümelingen. Wegen des neuen Rekordpreises würden einige „wie die Wilden“ tanken. Vor allem ältere Personen, die noch in Franken rechnen, würden den Preisanstieg wahrnehmen. „Choqués lors du passage à la pompe“, titelte L’Essentiel am Dienstagmorgen. Und RTL am Dienstagabend „d’Energiepräisser klammen an d’Leit si besuergt“; bebildert wird der Beitrag mit einer Hand, die ein Zapfventil hält. Erst an diesem Mittwoch analysierte RTL mögliche systemische Auswirkungen für den Transportsektor.

Die Teuerungen an den Tankstellen belasten Geringverdiener, Großfamilien oder Grenzgänger aus Metz, Habay oder Prüm ungleich schärfer. Sie haben Gründe, die Preisschwankungen an der Zapfsäule näher zu verfolgen. Dass der Eindruck entsteht, die Sorgen der Einwohner und Arbeitnehmer Luxemburgs würden nicht weiter reichen als die nächste Tankstelle, ist jedoch eine Verengung, die herbeigefilmt und -geschrieben wird. Eine Verengung, die auch schon die Kammer bemühte. Drei Wochen nach dem Beginn des Ukrainekriegs, als Putins Truppen fünfzehn Kilometer vor Kiew standen, sagte der damalige CSV-Oppositionsabgeordneter Gilles Roth in einer Debatte über den Anstieg der Energiepreise: Die Leute hätten genug von den Staus „an den Tankstellen“. Sie bräuchten „keine Geopolitik“, sondern „Alltags- und Praxispolitik“.

Energiepolitisch geriet Westeuropa Ende der 1950er-Jahre in ein neues Zeitalter. Man glitt in die existenzielle Abhängigkeit von fremder Energie aus Saudi-Arabien und Iran – im Tanklaster sauber angeliefert, von dort, wo Öllecks Wasser vergiften und brennende Erdgasfackeln die Luft verpesten. Ein Netz aus Ölleitungen verstrickt internationale Wirtschaftskörper – unterirdisch unsichtbar, oder oberirdisch versteckt. Gut sichtbar hingegen wird das Tanken zum Kultakt der Nachkriegsgesellschaft. Aral, Q8, Shell, Total – Markenlogos leuchten in Martelingen, Weiswampach und Esch/Alzette. Tankstellen avancierten zu Symbolen von Freiheit und Fortschritt, wie es der Historiker Harald Jähner in seinen Studien nachzeichnet.

Aber die Reduzierung des Konflikts auf seine Auswirkungen für Autofahrer – auf die hierzulande haptische Dimension des Ölhandels – führte zu ersten Ermüdungserscheinungen. Auch innerhalb der CSV. Bei deren Parteikongress vor drei Wochen sagte der Fraktionschef Laurent Zeimet: „Et ass awer en egozentresche Bléck op ee Konflikt, deen d’Lag vun der Zäit an den nächste Jore wäert beaflossen.“ Am 19. März sei zudem in Iran der 19-jährige Sportler Saleh Mohammed erhängt worden, weil er gegen das Regime protestiert hatte; das sei aber kaum thematisiert worden, da man damit beschäftigt gewesen sei, über Ölpreise zu berichten, führte Zeimet aus. Medien berichten über das, was ihr Publikum unmittelbar betrifft, das ist normal. Mittlerweile aber zeigen medienwissenschaftliche Studien, dass die Berichterstattung über Länder, die nicht zur westlichen Machtachse zählen, zumindest im deutschsprachigen Raum ab- und nicht zunimmt. Der iranisch-deutsche Autor Navid Kermani kommentierte das vor einem Jahr im Land mit: „Es scheint, je enger die globalen Verflechtungen werden, desto provinzieller wird unser Denken.“

Landkonscht

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