Vom Model zur Kriegsreporterin: Lee Millers faszinierende Karriere

d'Lëtzebuerger Land du 14.11.2025

Das Tate Britain in London widmet sich einer Frau, die sich stets neu erfand: der Amerikanerin Lee Miller. Ihre Reportagen über den Londoner Blitz, die Befreiung von Paris sowie die Grauen von Dachau und Buchenwald sind bedeutende Zeitdokumente des 20. Jahrhunderts. Als eine der wenigen weiblichen Kriegsfotografinnen bietet Millers Werk zudem außergewöhnliche Perspektiven auf Kriegszeit.

Ein Mädchen und ein Junge in Luxemburg sitzen, eingepackt in dicke Mäntel, auf einer Karre. Um sie herum liegen Säcke und Strohkörbe - das ganze Hab und Gut, hastig zusammengepackt für die Evakuierung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Das kleine Mädchen wirkt erschöpft. Der Junge neben ihr blickt direkt in die Kamera der Fotografin Lee Miller. Das Foto war Teil ihrer Reportage über die Schlachten und die Befreiungen an der Westfront, die das Magazin Vogue in Großbritannien und Amerika veröffentlichte.

„Der Krieg fegte durch Luxemburg und kam an der Grenze zum Stillstand. Die Augen des Feindes funkelten auf der anderen Flussseite herab; die Siegfriedlinie war stark befestigt. Doch Luxemburg war befreit“. schrieb Miller, die im Laufe des Krieges auch ihr Talent als Autorin unter Beweis stellte.

Doch bevor die Nazis Europa überrollten, arbeitete Lee Miller jenseits des Atlantiks in der Modewelt. In New York lernte sie zufällig den Herausgeber und Geschäftsmann Condé Nast kennen. Kurz darauf zierte eine Illustration von ihr die Titelseite des Magazins Vogue, und Lee Miller wurde zum It-Girl im New York der Goldenen Zwanziger. Sie war groß, schlank und trug einen kurzen Haarschnitt - ein androgyner Look, der die Schönheitsideale damals prägte.

Edward Steichen, der Cheffotograf des Magazins, war von Miller begeistert. Er porträtierte sie in eleganten Aufnahmen, die auch in kontroversen Werbungen erschienen sind, wie zum Beispiel für Kotex, den Hersteller von Damenbinden. Menstruation war damals ein Tabuthema, die Vogue druckte die Werbung trotzdem.

Als die Zwanziger Jahre ausklangen, verlor Miller die Begeisterung fürs Modellen. „Ich würde lieber ein Foto machen, als selbst eines zu sein,“ sagte sie und zog nach Paris, wo sie ihre Karriere als Surrealistin begann. Gemeinsam mit dem Künstler Man Ray entwickelten sie „Solarisation,“ eine neue Technik, die Fotos während des Entwicklungsprozesses kurz einer Lichtquelle aussetzt. Ein surrealistischer Effekt, bei dem dunkle Bereiche hell und helle Bereiche dunkel erschienen. Man Ray benutzte die Technik als „Flucht aus der Banalität“.

Die Realität aber holte auch sie bald ein. Als der Krieg begann, lebte Lee Miller in London und arbeitete dort für das Mode-Ressort der Vogue. Ihre Fotos von Models vor zerbombten Häusern und Frauen mit sogenannten Feuer-Masken zeugten von ihrer surrealistischen Sensibilität.

Die Vogue arbeitete eng mit der britischen Regierung zusammen, die das Modemagazin als wichtiges Kommunikationsinstrument sah. Denn wenn eine Zeitschrift Fabrikarbeit stilvoll darstellen konnte, dann war es die Vogue. Lee Miller fotografierte elegante Frauen in perfekt geschneiderten Uniformen, und illustrierte eine Anleitung für Dehnübungen für Frauen. Denn „nur wenn Sie Ihren Körper straff und geschmeidig halten, können Sie Ihren Beitrag leisten und eine Bereicherung, statt eine Belastung sein.Wenn Sie bei der Ernte helfen, Lasten für Ihre mobile Einheit tragen oder an einer Werkbank in der Fabrik stehen“, so das Magazin.

Lees Millers Arbeit trug sogar dazu bei, Kurzhaarfrisuren populär zu machen. Das erfreute das britische Arbeitsministerium, denn Kopfläuse waren unter Fabrikarbeiterinnen zu einem ernsthaften Problem geworden.

Doch diese Arbeit wurde ihr irgendwann zu oberflächlich. Ihren Eltern schrieb sie, dass es ihr albern erschien, weiter für eine solche „frivole Zeitschrift“ zu arbeiten. „Auch wenn es vielleicht gut für die Moral des Landes ist – für meine eigene ist es die Hölle.“ Als deutsche Bomben auf London regneten, dokumentierte sie die Zerstörung und das Leid in der Stadt. Vogue stellte sie schließlich 1942 als Kriegsfotografin ein.

Ihre Kriegsberichterstattung von der Front ist der Höhepunkt der Ausstellung im Tate Britain. Sie bietet seltene Einsichten in das Leben der Frauen während des Krieges, wie sie zu Hause an den Laufbändern der Fabriken oder als Krankenschwestern, Pilotinnen und Journalistinnen an der Front arbeiteten. Zu Kriegsende fotografierte sie Angehörige von Nazi-Politikern, die sich das Leben genommen hatten, und kahlrasierte Frauen, die in Frankreich gedemütigt wurden, weil man ihnen vorwarf, mit den Nazis kollaboriert zu haben.

Lee Miller gehörte zu den ersten Journalisten, die das befreite Konzentrationslager Dachau betraten. Für die Vogue berichtete sie auch aus Buchenwald, in einer Reportage mit dem Titel Believe it. Sie fotografierte hungernde Gefangene, getötete Kapos und KZ-Wachmänner, die um ihr Leben bettelten. Von ihren Fotos der Konzentrationslagern sind in der Ausstellung im Tate allerdings nur wenige enthalten.

Die Schrecken des Krieges traumatisierten sie zutiefst. Angeblich vernichtete sie einige ihrer Negative aus Dachau, weil sie nicht wollte, dass andere Menschen zu sehen bekamen, was sie erlebt hatte. In der Nachkriegszeit wandte sie sich wieder der Modefotografie zu und lichtete Freunde und Künstler wie Dorothea Tanning, Max Ernst und Joan MirÓ ab. Doch irgendwann legte sie die Kamera nieder.

Ihrem Sohn zufolge litt sie an posttraumatischen Belastungsstörungen und verfiel der Alkoholsucht. Es war die Leidenschaft des Kochens, die ihr erneut Lebensfreude bereitete. Auch diese oft unterschätzte Karriere der Surrealistin wird im Tate Britain behandelt.

Lee Miller ist so beliebt wie nie zuvor: Die Ausstellung im Tate Britain ist an Wochenenden öfters ausverkauft. So kann es sein, dass man vor verschiedenen Fotos Schlange stehen muss, eine ruhige Betrachtung des Werks ist demnach nicht garantiert.

Der Film Lee von Ellen Kuras, mit der brillanten Kate Winslet in der Hauptrolle, hat wohl für eine erneute Faszination für die Fotografin gesorgt. Anders als der Film bietet das Tate Britain jedoch einen Blick auf ihr gesamtes Werk, von der Mode über den Surrealismus und den Fotojournalismus bis hin zum Gourmetkochen. Deshalb ist die Ausstellung auf jeden Fall eine Reise nach London wert.

Claire Barthelemy
© 2026 d’Lëtzebuerger Land