Unter dem Banner der Association des médecins et médecins-dentistes probt eine Fraktion der Ärzteschaft den Aufstand. Sie gehört dem gehobenen Mittelstand an. Dem das politische Gewicht von Bankenvereinigung, Fondslobby, Arcelor-Mittal fehlt. Vorbei sind die Zeiten, als Ärzte im Parlament parteiübergreifend Standesinteressen durchsetzten. Nun muss der Ärzteverband sich umso aggressiver Gehör verschaffen. Dem mittelständischen Handwerkerverband geht es nicht besser.
Wiederholte Ärzteaufstände drücken den Widerspruch aus zwischen liberaler Medizin und vergesellschafteter Finanzierung. Er geht durch fast jede einzelne Ärztin: als Widerspruch zwischen hippokratischen Idealen und ökonomischen Interessen. Der Reibungsverlust bereitet den Krankenversicherten „faux frais“. Die AMMD hüllt die ökonomischen Interessen gerne in hippokratische Ideale. Um die Patienten gegen die Regierung aufzuwiegeln.
Vor freier Arztwahl, Therapiefreiheit bedeutet liberale Medizin zuerst wirtschaftsliberale: Ein Großteil medizinischer Dienstleistungen wird von über tausend Kleinstunternehmen erbracht. Ein Zusammenhang zwischen mittelständischer Selbständigkeit und Heilungserfolg ist nicht nachweisbar.
Die geschäftstüchtige Fraktion der AMMD-Ärzte findet ihre handwerklichen Kleinstunternehmen ineffizient, anachronistisch. Sie möchte von Kleinbürgern zu Kapitalisten aufsteigen. Sie fordert die Erlaubnis zur Konzentration, Zentralisierung fixen Kapitals an Praxisräumen, medizinischer Technik. Mit Fremdkapital von Becca, Giorgetti, Investitionsfonds. Dem Kapital ist öffentliche Gesundheit ein Gebrauchswert zum Erzielen von Tauschwert. Endziel ist die Akkumulation. Auch des Mehrwerts privat angestellter Ärzte.
Deshalb lehnt die AMMD den „carcan [...] du conventionnement obligatoire“ ab. So ein Kommuniqué vom 31. Oktober. Als Solidargemeinschaft fußt die Krankenversicherung auf der Zwangsversicherung aller Erwerbstätigen. Parallel dazu unterliegen alle Ärzte der Zwangskonventionierung, ihrer Gebührenordnung.
94 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten gegen Lohn. Die Gebührenordnung bestimmt, was eine Krankheit ist, wie teuer sie sein darf. In diesem Rahmen kann der Arzt jede Arbeitskraft mit einem Federstrich „krankschreiben“. Oder dem Betrieb wieder verfügbar machen.
Die AMMD-Fraktion kündigte Ende Oktober die Konvention mit der Krankenversicherung auf. Sie möchte sich von der Gebührenordnung lösen. Sich auf rentable Dienstleistungen in taylorisierten Maschinenpraxen spezialisieren. Auf maßgeschneiderte Dienstleistungen für kaufkräftige Patientinnen.
In einer „[a]utonomie tarifaire“ will sie medizinische Dienstleistungen zu ihrem Wert und teurer verrechnen, die Rendite des Aktienkapitals steigern. Ohne ein „conventionnement sélectif“, ein „financement des frais réels pour les cabinets“ durch die öffentliche Hand zu verschmähen. Nach der Labor-, Zahnarzt-, Kinesiotherapeuten-Schwemme soll die Gesundheitskasse erneut zahlen. Den idealistischen Kollegen, den Krankenhäusern sollen die Einkommensschwachen bleiben, die Schwerkranken, die unrentablen Erkrankungen, die unausgelasteten Apparate, die roten Zahlen.
Luc Frieden wollte vorübergehend ein Cappuccino-Modell für die Rentenversicherung. Die AMMD-Fraktion will nun eine Cappuccino-Medizin: Kassenpatienten, die mehr als den schwarzen Kaffee einer Basisabsicherung wollen, sollen sich neben der Sahnehaube CMCM bei einem „assureur privé“ den Kakao kaufen. Dessen Prämien nicht nach der Einkommenshöhe, sondern nach dem Erkrankungsrisiko festgelegt werden.
Wie alle Unternehmer sind auch die AMMD-Ärzte enttäuscht von Luc Frieden, der DP. Die Unternehmer verdächtigen stets die Ärzteschaft, die Gesundheitskasse auszuplündern, das Krankfeiern zu fördern. Doch Cappuccino-Medizin gefällt ihnen. Wenn sie niedrigere Patronatsbeiträge verspricht. Vielleicht tritt die Association des médecins et médecins-dentistes bald der Union des entreprises luxembourgeoises bei.