Es wehen etliche luxemburgische Fahnen im Publikum des Tomorrowland Festivals. Nosi, der gerade auf der Crystal Garden Bühne auflegt, holt ebenfalls eine Roude-Léiw-Flagge hervor und küsst sie. Dann beugt er sich wieder über seine Decks. Er dreht kurz an Knöpfen, streckt die Arme hoch: Der Beat droppt, die Leute tanzen los.
Nosi und Nathalie Faber, die unter dem Namen Ogazón am gleichen Tag auflegte, waren im Sommer 2025 die ersten luxemburgischen DJs auf dem weltberühmten Festival der elektronischen Musik in Belgien. „Das war für mich und auch für das Land – für die elektronische Musikszene – einfach ein enorm wichtiger Schritt", sagt Nosi, gebürtig Eric Nosbusch. „Es ist mir unglaublich wichtig, Luxemburg nach außen zu vertreten und zu repräsentieren.“
Clips seines Auftritts teilte Nosi auf Instagram. Wie der Tag für ihn hinter den Kulissen ablief, kann man in einem Video auf seinem Youtube-Kanal sehen, wo er auch komplette Sets einiger seiner Live-Auftritte hochgeladen hat. Doch keine Plattform hat ihm derart als Sprungbrett gedient wie Tiktok.
„Just finished this idea and I think it has a vibe“, schrieb er im Januar 2025 zu einem Clip, in dem er tanzt und die Lippen zum Sample bewegt. Der Algorithmus verbreitete das Video an immer mehr Nutzer. „Ich hatte Mails und Angebote von Labels, noch bevor der Song überhaupt fertig war“, sagt Nosi. Als er den kompletten Track endlich fertig stellte und veröffentlichte, erreichte der Song die Viral Charts auf Spotify, wo er heute mehr als 50 Millionen Mal gestreamt wurde.
BBC Radio 1 griff den Track auf und Formel-1-Star Lando Norris unterlegte einen seiner Instagram-Posts mit der Musik des Luxemburgers. Nosi filmte sich daraufhin selbst, wie er ungläubig den Kopf schüttelt und sich das Gesicht hält, eine Geste, die in sozialen Medien allgegenwärtig ist: „That moment when Lando Norris uses your track for his posts.“ Sein Reaktionsvideo wurde auf TikTok von mehr als 50 000 Nutzern geliked, was es wieder vor neue Augen brachte.
Scouts des Tomorrowland Festivals kamen ins Hollericher Atelier, um sich ein Live-Set von Nosi anzuschauen. Sie waren begeistert und luden ihn zum großen Festival ein. Nosi und So Good waren nicht mehr aufzuhalten. Getragen ist der Song von einer souligen Melodie der Sängerin Amanzi, einer Britin mit südafrikanischen Wurzeln. Samples mit ihrer Stimme kann man lizenzfrei auf Splice, einer online Sound-Bibliothek, kaufen. Das taten bereits viele Produzenten: Sie ist zum Beispiel in Running Around des österreichischen DJ Ely Oaks zu hören (160 Millionen Spotify-Streams). Connor Price, ein kanadischer Rapper, benutzt Amanzis Stimme in seinem Song Too Easy (91 Millionen Streams).
„Du kannst 10 Köchen dieselben Zutaten geben, und das Ergebnis schmeckt immer anders,“ sagt Nosi. Er beschreibt seine Musik als Melodic House oder Afro House. Für So Good warb er auf Tiktok mit monochromen Fotos von afroamerikanischen Musikgrößen wie Nat King Cole, Miles Davis und Ray Charles. „I think we just created a new music genre. Blues Afro House“, verkündet er in einem der Videos.
Afro House entstand Ende der 1990er Jahre in Südafrika und erlebte in den letzten Jahren den internationalen Durchbruch, angetrieben von sozialen Medien. Splice nannte es den Sound des Jahres 2025 – die Plattform verzeichnete ein Wachstum von 778 % in diesem Genre. Dieser rasante Aufstieg und die Kommerzialisierung des Genres haben eine Debatte über kulturelle Aneignung ausgelöst. Nosi sagt, er kenne diese Diskussionen, habe selbst allerdings noch nie Kritik in dieser Hinsicht erlebt. „Meine Musik bewegt sich irgendwo zwischen Afro House und Melodic House. Ich mache das vor allem, weil ich die Energie und die Emotionen davon sehr liebe", schreibt er in einer Email. „Ich lasse mich von vielen verschiedenen Stilen inspirieren und versuche einfach, Musik zu machen, die sich für mich richtig und authentisch anfühlt. Letztendlich geht es mir vor allem um die Musik und das Gefühl, das sie bei den Menschen auslöst.“
Für Musik hat sich Nosi, der in Pütscheid aufgewachsen ist, schon immer interessiert. Auf Youtube schaute er sich Live Sets des Tomorrowland Festivals an. Sein Gespür für Beats und Atmosphäre konnte er sich in der Schule aneignen, denn das Lycée Ermesinde in Mersch bot DJing als Aktivität an. „Das hat mich wahnsinnig interessiert, weil ich mich da mit 13 Jahren einschreiben und einfach schauen konnte, was das ist, ohne große Verpflichtung.“ Es wurde zum Hobby, das allerdings bald mit seiner anderen Leidenschaft in Konflikt geriet.
„Ich habe in Hosingen Fußball gespielt und als ich anfing hier und da aufzulegen, hat sich das irgendwann überschnitten: Am Freitagabend ein Spiel bis 23 Uhr, und dann sollte ich auch noch auflegen gehen.“ Nosi musste eine Entscheidung treffen. Er hing die Fußballschuhe an den Nagel, doch der Sport bleibt weiterhin eine Leidenschaft. Schließlich verdankt er ihm seinen Künstlernamen: „Wir hatten zwei Erics in unserem Team in Housen. Dann war ich eben der Nosi und der andere der Eric“, sagt er lachend.
Nosi lebt heute in Wien, wo er Geschichte studiert. „Es ist ein schöner, trockener Ausgleich zur Musik und dem ganzen Feiern.“ Doch seine Priorität ist momentan die Musik. Er will an den Erfolg seines viralen Hits anknüpfen. „Musik lässt sich vielleicht ein bisschen mit Sport vergleichen. Wenn man versucht, in den Profi-Sport zu kommen, gibt es ein paar entscheidende Jahre, in denen es extrem wichtig ist, am Ball zu bleiben.” Er will nun „so viel Gas geben, wie möglich".
Kürzlich reiste er nach London und Kopenhagen, um an Sessions mit anderen Produzenten und Musikern teilzunehmen. Am Freitag kann man sich auf ein Nosi-Release auf dem Label von Tomorrowland freuen. Dieser wird natürlich auch auf Tiktok angekündigt.
„Mein Ziel ist es hier, 60–80 Videos hochzuladen, einfach um zu schauen, wie die Leute reagieren. Manchmal klappt das dritte Video, manchmal das vierzigste“, sagt Nosi. Während Millennials als Digital Natives beschrieben wurden, gehört Nosi einer Generation an, die mit sozialen Medien aufgewachsen sind. Auf die Frage, was er denn in diesen unzähligen Videos zeigt, antwortet er: „Sie haben kein Tiktok, oder?“ Und so fühlt man sich als Millennial schnell alt. Das Rezept ist ähnlich wie bei So Good. Nosi tanzt und singt in Videos zu seinem eigenen Track und schreibt kurze Sätze hinzu: „Pov: This is the hardest track intro ever“ oder „bro can’t wait to release this track.“
„Die gesamte Musikindustrie wird ein bisschen von Tiktok gelenkt,“ erklärt er. „Musiker fluchen viel über Social Media, aber Social Media kann heutzutage auch ein Segen sein. Man kann relativ unabhängig von Labelstrukturen viele Menschen erreichen und Songs rausbringen, die groß werden.“ Jeder Song könnte ein neuer viraler Hit werden. „Ich versuche, bei jedem Track das maximale Potenzial herauszuholen.“
Sein Ziel, Musik zur Karriere zu machen, hat er klar vor Augen. Wichtig ist ihm jedoch auch, mit seiner Musik Lebensfreude zu vermitteln. „Es sollen Songs sein, bei denen ich sage: Ich freue mich jetzt, diesen Song zu hören, weil er mir einen bestimmten Vibe gibt, eine bestimmte Freude, oder weil er Lust macht zu feiern. Denn ich feiere selbst auch gerne.“