Die Risse im Teppich

d'Lëtzebuerger Land vom 01.05.2026

Beide Regierungen sprachen von einem wichtigen diplomatischen Erfolg. Die britische Kulturministerin Lisa Nandy bezeichnete die Leihgabe als „Symbol unserer gemeinsamen Geschichte mit unseren Freunden in Frankreich, einer über Jahrhunderte gewachsenen und bis heute andauernde Beziehung.“

Doch die Verhandlungen beanspruchten Zeit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die damalige britische Premierministerin Theresa May zogen die Ausleihe 2018 in Erwägung, stießen jedoch auf erheblichen Widerstand. Antoine Verney, der Chefkurator des Bayeux-Museums, sagte, der Wandteppich sei in einem derart schlechten Zustand, dass er sich nicht vorstellen könne, ihn irgendwohin zu bringen.

Die mögliche Ausleihe geriet während der bitteren Brexitverhandlungen in den Hintergrund. Die Corona-Pandemie legte das Projekt weiter auf Eis. Doch dann versprach Keir Starmers Regierung einen „Brexit-Reset“, also eine Wiederannäherung Großbritanniens an seine europäischen Partner. Das Verhältnis zwischen Frankreich und Großbritannien taute auf, die Verhandlungen um den Teppich wurden wieder aufgenommen.

Im vergangenen Jahr unterzeichneten Macron und Starmer schließlich ein Leihabkommen: Der Wandteppich reist nach Großbritannien, im Gegenzug werden britische Kulturgüter, wie zum Beispiel Artefakte aus dem angelsächsischen Grab von Sutton Hoo, an Museen in der Normandie ausgeliehen. Das Museum von Bayeux erklärte, dass Experten nach neuen Tests überzeugt seien, dass das Kunstwerk sicher transportiert werden könne.

Doch Historiker und Künstler sehen das anders. „Bei jeder Handhabung geht etwas Material verloren, und damit auch etwas Widerstandsfähigkeit,“ so Béatrice Girault, eine pensionierte Restauratorin, in einem Interview mit La Tribune de l’art. „Das Problem ist nicht das Alter, sondern die Größe. Man kann es nicht wie ein Gemälde in einer Kiste transportieren. Man kann es auch nicht rollen, weil es zu dünn ist und dadurch Falten und Spannungen entstehen,“ so Girault. Eine Expertenstudie von 2020 identifizierte tausende von Flecken, Knicken und nicht-stabilisierten Rissen. Eine Restoration sei nötig, so die Experten. Die soll allerdings erst 2028, nach der Londoner Reise, stattfinden.

In Frankreich wurde eine Petition gegen die Ausleihe bereits von rund 77 000 Menschen unterzeichnet. Gestartet wurde sie von Didier Rykner, Kunsthistoriker und Leiter von La Tribune de l’Art. Emmanuel Macron habe eine katastrophale Entscheidung für das franzosische Kulturerbe getroffen, die sich gegen die Meinungen von Historikern und Konservatoren richtete, so Rykner. „Für die Diplomatie sollten Sie niemals Kunstwerke, wertvolle Gegenstände und zerbrechliche Gegenstände verwenden,“ schreibt er.

Der britische Künstler David Hockney, der in der Normandie lebt, bezeichnet das Projekt als „Wahnsinn“. In einem Gastbeitrag im The Independent schrieb er: „Manche Dinge sind zu wertvoll, um sie zu riskieren. Der Transport des Teppichs von Bayeux gehört dazu.“

Doch die Ausleihe soll wie geplant stattfinden. Laut Financial Times ist der Wandteppich während der Leihgabe mit rund 800 Millionen Pfund über das britische staatliche Entschädigungsprogramm versichert. Der Transport ist sehr aufwändig und soll Berichten zufolge rund 1,2 Millionen Pfund betragen. Die Kosten übernimmt das British Museum.

Anfang des Jahres gab es den ersten Transportversuch ohne Wandteppich. Mitte April erfolgte eine Generalprobe. Ein LKW, der mit Vibrations-, Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren ausgestattet ist, transportierte eine Nachbildung von Bayeux nach London. Das Ovriginal soll im Juli nach London transportiert werden, das genaue Datum wird geheim gehalten.

„Experten auf beiden Seiten des Ärmelkanals haben sorgfältige Planungen und Prüfungen durchgeführt, um den sicheren Transport und die Erhaltung des Wandteppichs zu gewährleisten,“ so schrieb der Direktor des Britischen Museums, Nicholas Cullinan, in einem Brief im Guardian.

Im British Museum wird der Teppich auf einem speziell angefertigten Tisch ausgestellt, „der seine langfristige Erhaltung unterstützt und es den Betrachtern gleichzeitig ermöglicht, ihn auf eine völlig neue Art und Weise zu betrachten,“ so Cullinan. Dieser Tisch soll später im Museum von Bayeux, nach dessen Renovierungsarbeiten, wiederverwendet werden.

In Großbritannien freut man sich auf die Ankunft des Wandteppichs. Das Artefakt illustriert in 58 Szenen eines der bedeutendsten Ereignisse der britischen Geschichte: die Schlacht von Hastings im Jahr 1066, in der Wilhelm der Eroberer den englischen König Harald II. besiegte und damit eine normannische Elite in England an die Macht brachte. Die Normannen prägten Sprache, Identität und das politische Leben in England nachhaltig.

Außerdem gewährt der Teppich wertvolle Einblicke in Kriegsführung, Schifffahrt, Ausrüstung und Glaubenswelt des 11. Jahrhunderts. Sogar der Komet Halley, der nur rund alle 76 Jahre zu sehen ist, ist auf der Stickerei dargestellt. Das Artefakt kommt nicht nur in britischen Schulbüchern und Einbürgerungstests vor, sondern auch in der Popkultur.

Die Komödiantin Philomena Cunk parodierte den Wandteppich in der beliebten BBC Serie Cunk on Britain: Das Artefakt zeige „das erste Beispiel eines EU-Bürgers, der hierherkommt und uns die Arbeitsplätze wegnimmt,“ scherzt sie.

„Es gibt kein anderes Objekt der britischen Geschichte, das so bekannt ist, so häufig in Schulen behandelt und in der Kunst so oft kopiert wurde wie der Teppich von Bayeux,“ so George Osborne, Vorsitzender des Kuratoriums des British Museums und ehemaliger Finanzminister. „Und doch ist er in fast 1000 Jahren nie wieder an diese Küsten zurückgekehrt.“

Im September ist es dann endlich so weit. Das British Museum erwartet rund 7,5 Millionen Besucher. Zudem wird ein Aufschwung in anderen Teilen Englands erhofft, die mit der normannischen Eroberung in Verbindung stehen. So zum Beispiel Norwich Castle, das von Wilhelm dem Eroberer in Auftrag gegeben wurde, oder Battle Abbey, die auf dem ehemaligen Schlachtfeld von Hastings errichtet wurde. Reading Museum, das eine Replik des Wandteppichs von Bayeux zeigt, berichtet von wachsendem Interesse im Vorfeld der Londoner Ausstellung.

Der Verkauf der Eintrittskarten für die Ausstellung im British Museum beginnt am 1. Juli

Claire Barthelemy
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