Patti Smith und Margaret Atwood haben mit ihrer Kunst Kulturgeschichte geschrieben. Im Herbst veröffentlichten beide autobiografische Bücher, in denen sie Einblicke in ihr kreatives Schaffen gewähren. Obwohl sich die Werke literarisch stark voneinander unterscheiden, sind beide von einer kompromisslosen Hingabe an Authentizität und Kunst geprägt.
Patti Smith, die Patin des Punks, wurde in den 70er Jahren mit Rock-Hits wie Because of the Night, Gloria und Dancing Barefoot berühmt. Einige Jahre später veröffentlichte Margaret Atwoods ihren dystopischen Roman The Handmaid’s Tale, ein Werk, das durch die rezente Hulu-Verfilmung wieder in die Bestseller Listen zurückkehrte.
Die beiden begannen ihre Karrieren jedoch mit Poesie. Patti Smith schrieb Gedichte, lange bevor sie ihre ersten Lieder aufnahm. Klassische Lesungen fand sie ausgesprochen langweilig, und so folgte sie dem Rat des Dramatikers und Schauspielers Sam Shepard, doch einen Gitarristen zu engagieren. Lenny Kaye begleitete sie 1971 in ihrer Lesung in der St. Mark’s Church in New York: Die Gedichtlesung wurde laut, schrilles Gitarren-Feedback untermalte Patti Smiths Stimme. Damit war der erste Baustein der Patti Smith Group gelegt und die Beiden sollten noch lange miteinander arbeiten.
Margaret Atwoods erste Gedichtsammlung Double Persephone (1961) veröffentlichte sie als frischgebackene Bachelor-Absolventin. Atwood wusste jedoch, dass sie mit Gedichten keinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Sie musste einen Job finden. „Aber ich wollte auf keinen Fall Gymnasiallehrerin werden, der absolute Albtraum,” schreibt sie in ihrem Memoiren Book of Lives.
Die Kanadierin beschreibt ihre skurrile Arbeit in einem Marktforschungsunternehmen, in dem sie Fragebögen überarbeitete. Eines Tages musste sie einen 35-seitigen Fragebogen für ein Abführmittel verfassen.
Die Fragen drehten sich ausschließlich darum, wie oft und wie leicht oder schwer die Befragten zur Toilette gingen. So viele Fragen dazu würde doch niemand beantworten, meinte sie. Natürlich nicht, sagte man ihr in der Firma, aber die wenigen, die es tun, sind dann ganz sicher unsere Zielgruppe. Atwoods trockener Humor kommt in Anekdoten wie dieser besonders zum Vorschein. Die Schriftstellerin verrät, dass sie Eindrücke aus diesem Job in ihrem 1969 erschienenen ersten Roman The Edible Woman verarbeitet hat.
Zu der Zeit zog Patti Smith ins berüchtigte Chelsea Hotel in New York ein. In ihrer Autobiographie Bread of Angel erinnert sie sich, wie sie dort Künstler wie Andy Warhol, Janis Joplin, Jimi Hendrix und Allen Ginsberg kennenlernte. Drogen gehörten zum Alltag, doch Patti Smith geriet nie in Versuchung.
Die Sängerin und Poetin schreibt, dass sie eine „proustsche Kindheit“ hatte, die von allerlei Krankheiten geprägt war. Sie litt an Tuberkulose, Scharlach und Lungenentzündungen und verbrachte viele Stunden im Bett, wo sie sich mit Musik und Büchern beschäftigte. Damals habe sie so stark kämpfen müssen, um überhaupt zu überleben, dass Drogen für sie niemals interessant gewesen seien.
„Ich habe viele großartige Menschen gesehen, die sich selbst zerstört haben und die es nie über 27 Jahre hinaus geschafft haben, oder andere Menschen, die es eine Zeit lang geschafft haben und sich selbst so sehr beschädigt haben, und ich wollte nie so sein,” so Patti Smith in einem Interview mit dem New Yorker. Patti Smith war derart konsequent abstinent, dass im Chelsea Hotel Gerüchte aufkamen, sie sei eine Undercover-Polizistin.
Margaret Atwood und Patti Smith erlebten beide Ruhm und Berühmtheit, obwohl Punkrock und Science-Fiction eher selten ein Massenpublikum erreichen. Patti Smith wurde 1979 auf ihrer Europatournee von Fans und Paparazzi gejagt. Sie entschied daraufhin, sich komplett aus dem Rampenlicht zurückziehen. Mit ihrem Partner, dem Gitarristen Fred „Sonic” Smith, kaufte sie sich in Michigan ein Boot und widmete sich wieder dem Schreiben. Gemeinsam zogen sie zwei Kinder groß. Diese sehr persönlichen Einblicke sind die Höhepunkte von Bread of Angels. Nach der chaotischen Zeit in der New Yorker Rockwelt und internationalen Tourneen, findet man sich plötzlich in einer harmonischen, häuslichen Welt zweier Punks wieder.
Margaret Atwood ist seit der Verfilmung von The Handmaid's Tale nun auch bei jüngeren Menschen bekannt. Die 86-jährige schreibt, dass sie sogar beim Birdwatching, also dem Beobachten von Vogel, erkannt wird. „Sind Sie Margaret Atwood?“ fragte man sie in einem kanadischen Vogelzuggebiet. Die Schriftstellerin antwortet kurz: „Heute nicht.“ Sie sei nicht immer so kurz angebunden mit Fans, doch der Frühjahrszug sei ihr heilig, schreibt sie.
Humorvolle Anekdoten wie diese liefert Atwood in den 600 Seiten ihrer Memoiren viele. Doch es sind ihre politischen Gedanken und die historischen Einblicke, die das Buch so interessant machen. In The Handmaid's Tale werden Frauen durch ihre zugewiesenen Rollen der Männer definiert und gezwungen, Kinder zu gebären.
Als der amerikanische Supreme Court im Jahr 2022 das Urteil Roe v. Wade aufhob, das Frauen fast fünf Jahrzehnte lang das Recht auf Abtreibung garantiert hatte, war das Buch plötzlich so aktuell wie nie zuvor. Den Rechtsruck in Amerika überraschte sie jedoch nicht. „Ich war schon immer jemand, der nie daran geglaubt hat, dass so etwas hier nicht passieren kann. Es kann überall passieren, wenn es die passenden Umstände gibt“, sagte kürzlich in einem Interview mit der BBC.
Wer das Glück hat, ein langes Leben zu genießen, erlebt oft auch viel Trauer. Margaret Atwood beschreibt die Zeit der Trauer, nachdem sie ihren Mann, den Schriftsteller Graeme Gibson, verloren hatte. „Man ist wie betäubt, orientierungslos. Man irrt wie im Hyperraum umher; man wirkt konzentriert, ist aber innerlich abwesend, schreibt Margaret Atwood, ein Roboter habe Kontrolle über sie übernommen. Die Maschine lief weiter, denn Atwood war zur Zeit auf Promo-Tour für ihren neuen Roman Die Zeuginnen, der Nachfolger von The Handmaid’s Tale.
„Manche waren überrascht, dass ich die Lesereise für Die Zeuginnen fortsetzte. Aber fragen Sie sich, liebe Leser: Der volle Terminkalender oder der leere Stuhl? Ich entschied mich für den vollen Terminkalender. Der leere Stuhl würde da sein, wenn ich nach Hause käme,“ so Atwood.
Patti Smiths schreibt über schwere Verluste, die sie in kurzer Zeit erlebte. Ihre heimische Zeit mit Fred Smith endete abrupt, als dieser 1994 unerwartet im Alter von 46 Jahren starb. Kurz darauf verstarb auch Patti Smiths Bruder Todd Smith. „Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke und sehe, dass ich diese Menschen kannte und sie ein so wichtiger Teil meines Lebens waren, dass sie mich geliebt haben, ist das etwas Wunderschönes,“ so die 79-jährige in einem Gespräch mit Anderson Cooper für den Podcast All There Is.
„Wir durchleben so viel - so viel Schmerz, so viel Verlust -, dass es fast zu einem philosophischen Teil der Existenz wird“, sagte Patti Smith weiter. Bread of Angels und Book of Lives unterscheiden sich literarisch sehr voneinander: Patti Smith schreibt poetisch, Margaret Atwood detailliert und humorvoll. Dennoch sind beide Werke in ihrer Weisheit sehr bereichernd.