Dem großen Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge (1932-2026) zum Gedenken

„Auf Lebendigkeit können wir vertrauen“

d'Lëtzebuerger Land du 03.04.2026

Bis zuletzt blieb Alexander Kluge eine Stimme von Bedachtsamkeit und wacher Gegenwärtigkeit, deren Urteil man ernstnahm, deren Kommentare Denkanstöße gaben und die vor allem Hoffnung stiftete, neue Perspektiven eröffnete und Wege aus der Ungewissheit aufzeigte.

Die Grundfrage der Philosophie laute seit Kant: „Auf was kann ich mich verlassen?“, wie Kluge noch im Januar, hochbetagt und kein bisschen defätistisch, auf einer Konferenz in München bemerkte. Die Herausforderungen der Gegenwart hätten der Philosophie eine neue Jugend beschert: „Je größer die Probleme, desto größer die Lust auf sie zu antworten.“

Philosophie als solche sei „ein Balanceakt zwischen Vernunft, Emotion, Objektivität und Subjektivität“, den die KI von selbst noch nicht leisten könne. Zwar überrasche ihn an diesem „Buchhalter der Einzelheiten“, dass er ihr Fragen stellen könne, die sie nicht kenne und darauf „brillant“ antworte. „Wenn wir kollegial, freundschaftlich, gastfreundlich mit diesem Alien KI umgehen, dann wird er auch freundlich zu uns sein können“ so Kluges Einschätzung. Für den Rest verlasse er sich persönlich nicht darauf, dass eine KI von deren Erfindern „richtig“ verwaltet werde: „Da verlasse ich mich lieber darauf, dass wir so alt sind. Dass wir Verlässlichkeit in uns tragen, in einem Körper der lebendig ist. Auf Lebendigkeit können wir vertrauen.“

Im September 2025 hatte Kluge Sand und Zeit. Bilderatlas veröffentlicht. In dem Buch setzt er sich intensiv mit Kriegsbildern, unter anderem aus dem Gaza-Streifen, sowie mit historischen Zerstörungen und künstlicher Intelligenz auseinander. Seit zwei Jahren war die israelische Regierung da schon damit beschäftigt den Gazastreifen in Grund und Boden zu bomben. 65 000 Menschen waren den Angriffen bereits zum Opfer gefallen, davon 30 Prozent Kinder. In seinem Vernichtungskrieg bediente sich das israelische Militär unter anderem KI-Systemen wie Palantirs Lavender, um die Automatisierung von Zielvorschlägen zu beschleunigen. Die „Restmaterie“ der Häuser von Gaza werde „bei Regen zu Schleim“, wie Kluge schreibt. „Anders als Sand in der Wüste ist die synthetische, extrem zerkleinerte Substanz, welche die Drohnen- und Raketenangriffe hinterlassen, ohne Leben. Anders als die […] Backsteine 1945 unbrauchbar für den Wiederaufbau.“

Geboren 1932 in Halberstadt als Sohn des Arztes Ernst Kluge und seiner Frau Alice, wächst Kluge als älterer Bruder von Alexandra Kluge (1937–2017) auf. Die Kindheit war von Anfang an von einer brüchigen Normalität geprägt: Anfang 1945, Kluge ist dreizehn, trennten sich seine Eltern. Nur wenige Wochen später, am 8. April, wurde Halberstadt durch alliierte Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt. Kluges Vaterhaus wird zerstört, zehn Meter neben ihm zerbarst eine Sprengbombe. „Aber der Punkt ist der: vorher ist Scheidung meiner Eltern“, wie Kluge sich in Angelika Wittlichs Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang erinnert. „Und wenn ich sagen soll: was ist nun der schlimmere Bombenanschlag, die Sprengbombe oder die Trennung der Eltern? Ich kann’s ihnen nicht genau sagen. Das hat alles einen Zusammenhang und bedeutet: das Haus geht verloren“.

Mit Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 legt Kluge 1977 ein Buch vor, das in seiner fragmentierten, fast dokumentarisch wirkenden Form technische Details der Bomber, Lagepläne und Alltagserfahrungen der Menschen miteinander verwebt. Anstelle emotionaler Schilderungen dominiert eine distanzierte, analytische Perspektive, die sowohl die planmäßige als auch die zufällige Dimension der Zerstörung betont. Der Text liest sich weniger als ein Bericht, sondern eher wie ein literarisches Denkmal für das Unfassbare, in dem Erinnerung, Rekonstruktion und Erfahrung ineinandergreifen. So wird der Schrecken des Krieges zu einem sprachlich reflektierten Kaleidoskop, das Gewalt und die Bedingungen des Erinnerns zugleich sichtbar macht. In seinem Essay Luftkrieg und Literatur zeigte W.G. Sebald auf, wie wenige Schriftsteller der Nachkriegszeit das Trauma und zugleich das Tabu der alliierten Bombardierungen literarisch verarbeitet haben. Er hebt dabei Werke von Zeitzeugen wie Alexander Kluge als eine der seltenen Ausnahmen hervor, die tatsächlich persönliche Erfahrungen dieser Ereignisse in die Literatur einfließen ließen. „Es ist ja so, dass er – so stelle ich mir das vor – auf die Welt kommt, um jene Zone zu entdecken, in der Lebensgeschichten, Tagesabläufe, alltägliche Wünsche und Bedürfnisse trivialer Art, aber auch ganze Lebensprojekte aufeinandertreffen – sei es mit einer juristisch entschlüsselten Bürokratie oder mit der Geschichte“, so Kluges enger Freund und intellektueller Weggefährte, der Philosoph Jürgen Habermas in Wittlichs Filmporträt.

Das Gesamtwerk von Alexander Kluge erstreckt sich über Film, Fernsehen, Literatur und Theorie und folgt einem konsequent essayistischen Ansatz. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er in den 1950er Jahren bei Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung in Frankfurt, wo er sich mit kritischer Theorie und Ästhetik beschäftigte. Als Mitinitiator des Oberhausener Manifestes wurde er zu einer Schlüsselfigur des Neuen Deutschen Films und schuf mit Werken wie Abschied von gestern (ausgezeichnet 1967 mit dem silbernen Löwen in Venedig), in dem seine Schwester die Hauptrolle spielte, und Die Artisten in der Zirkuskuppel formal innovative, politisch reflektierte Arbeiten, die Dokumentation und Fiktion in komplexen Montagetechniken verbinden.

Seit den 1980er-Jahren verlagerte er seinen Schwerpunkt ins Fernsehen, wo er im Kontext der medienpolitischen Entwicklungen – geprägt unter anderem durch Johannes Rau, den langjährigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und späteren Bundespräsidenten, der für einen starken kulturellen Auftrag des Rundfunks eintrat – Sendeplätze im Privatfernsehen faktisch „einklagte“ und mit der dctp (Development Company for Television Program) eine eigene Produktionsstruktur etablierte. Hier lud Alexander Kluge wiederkehrend Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Philosophie, Literatur, Kunst und Politik ein. Zu seinen Gesprächspartnern zählten unter anderem der Philosoph Oskar Negt, der Theatermacher Heiner Müller, aber auch Künstler und Schauspieler wie Hannelore Hoger, Christoph Schlingensief und Helge Schneider. Kluges Interview-Technik beschrieb Joseph Vogl letzte Woche bei Kulturzeit als “Montagetechnik“, bei der jede Frage einen Sachverhalt aufgerufen habe, „der nicht vorhergesehen werden konnte und der mit Sicherheit den Gesprächspartner an dem Punkt erreichte, wo man keine vorgefertigten Antworten hatte und vor allem wo es nichts Meinungshaftes gab.“ Kluge selbst nannte das einmal die „Provozierung von Eigenbewegungen“, von „unvermutetem Denken“. Unter dctp.tv können Kluges gesammelte TV-Interviews thematisch online abgerufen werden.

Das spätere Zurückdrängen solcher Formate im Fernsehen spiegelten die strukturellen Veränderungen der Fernsehlandschaft und die zunehmende Kommerzialisierung wider. In seinem 2022 erschienenen Werk Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit sprach Jürgen Habermas von „Filterblasen“ und warnte vor einem Verschwimmen der Grenzen zwischen privater und öffentlicher Kommunikation, das den gemeinsam zugänglichen Raum der Öffentlichkeit schwäche. Auch Kluge beschäftigte sich bis zuletzt damit, wie in unserem fragmentierten Zeitalter wieder Zusammenhänge hergestellt werden könnten. Kluge würdigte am 16. März in einem Nachruf in der Zeit seinen eben im Alter von 96 Jahren verstorbenen Freund als „einen der verlässlichsten Menschen“, denen er begegnet sei, und mahnte zugleich, sich in Krisenzeiten und angesichts der „dunklen Aufklärung“ aus dem Silicon Valley nicht der Mutlosigkeit hinzugeben. Kluge selbst starb nur elf Tage später, am 25. März, im Alter von 94 Jahren. Seit 1982 war er mit der Filmproduzentin Dagmar Steurer verheiratet und lebte mit ihr in München. Das Paar bekam zwei Kinder, darunter die Filmemacherin Sophie Kluge.

Frédéric Braun
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