die kleine zeitzeugin

Die Ukraine ist nicht sexy

d'Lëtzebuerger Land vom 03.04.2026

Wo ist die Ukraine eigentlich? Ist sie untergegangen? In den Trümmern der tagtäglich über uns erbrochenen Breaking News? Verschollen in den Kornfeldern Habsburgs, wie es mal auf mitteleuropa-romantisch hieß? Blasses Land, flaches Land, eher flach, oder? Das uns so lang wie breit ist. Mit Sonnenblumen, ach ja Sonnenblumen. Und jetzt Drohnen. Sie sind sehr gut in Drohnen.

Wo ist die Ukraine geblieben? In der Ukraine, wo sie schließlich hingehört? Eher nicht zu uns. Die Möchtegern-Neue in der Klasse, alle stoßen sich an, wie heißt sie? Ukraine? So eine Streberin. Zeigt auf den Boden, da liegt ein Schatz. Zeigt auf den Boden, da wächst ein Schatz. Zeigt auf die Drohnen, gut in Drohnen. Jetzt. Sie dreht den Spieß um, zielt mit der Drohne. Der Scheich lächelt.

Warum will die Ukraine auch unbedingt Westen sein, alle können nicht Westen sein. Warum will sie wir sein, wirr wie wir, wer sind wir überhaupt? Brav divers, mit einem befriedigenden Angebot an Geschlechtern. Mit Identität Sprache Kultur, einer eigenen, einer uralten, einer urjungen. Nicht mal mehr üppig machomafiös. Orthodox, aber light. Warum will sie unbedingt auf unserer Party mitmachen, bei der längst die Lichter ausgehen, der längst die Highlights ausgehen, le Siècle des Lumières ist ja auch schon eine Weile her?

Wo immer mehr hier lechzen nach den guten alten Werten, die die Ukrainer/innen gratis haben könnten. Die starke Hand, die starke Knute, Joch und zu Kreuze kriechen. Wo immer mehr sich wollüstig vor den Putinkarren spannen lassen, all die Wagenknechte und -mägde. Wo immer mehr sich fürchterlich entrüsten wegen denen, die angeblich fürchterlich aufrüsten. Alles ist wunderbar klar, die Regeln werden nicht dauernd neu verhandelt wie in einer anstrengenden Demokratie. Wer nicht pariert, fliegt. Wer wichtig ist, sogar zum Fenster raus. Die Retro- Utopie, die westliche Influencer/innen uns in Russland ausmalen: Kommet, ihr verlorenen Kinder des verweichlichten Westens! Das Gold liegt zwar nicht auf der Straße, die Menschen aber auch nicht. Hier liegt man im ehernen Bett! Oder im Heldengrab! Und dafür gibt’s wenigstens cash!

Big Bro stößt man nicht zurück, Mütterchen Russland meint es nur gut. Warum muss die Ukraine auch so streiten? Warum behaupten die Ukrainer/innen so obsessiv, dass es sie gibt? Warum behaupten sie sich so? Ist ja verständlich, dass Väterchen Bloodymir aus Moskau böse ist und betrübt. Wo die Nato ihn so reingelegt hat. Wo alle so gemein waren zu ihm. Er hatte eine schwere Kindheit. Er war beim KGB, das macht etwas mit einem Menschen. Und weiß nicht jeder, dass die Ukraine korrupt ist? Und da sollen wir zehn Euro spenden? Und dieser Held/innenkult im Netz! Menschen mit Prothesen lachend hinter Geburtstagskuchen und vor Panzern. Nicht zu vergessen die Männerfänger auf der Suche nach Kanonenfutter. Und hier bei uns leben starke Männer, statt an der Front zu sterben. Dann fahren sie auch noch Auto! Auto! Superauto!

Sowieso, wovon reden wir hier? Von einem Land, das es nicht gibt. Die Ukraine gibt es gar nicht. Die Ukraine hat sich selbst erfunden. Die ganze Ukraine ist eine ukrainische Wahnvorstellung, der Präsident ein Komiker auf Koks.

Frierende Alte in unförmigen Jacken vor einem Wärmebus, oder nennt man es Kältebus? Frierende alte Leute, die sagen, dass sie frieren, Stalingrad ist das nicht. Eingemummte Kinder in unterirdischen Schulen. Gaza ist das nicht. Das leidet so dahin. Das dümpelt so dahin. Keine Exzesse. Keine Ekstasen. Keine Höhepunkte. Nur Tiefpunkte. Endlose Tiefebenentiefpunkte. Löcherige Wohngebiete. Ein zahnloser Mann mit einem abgerissenen Hund auf einer schlammigen Straße im Irgendwo. Das einzig Bunte sind die Gräber.

Der Krieg ist da, eine chronische Krankheit, mit der man leben kann. Also wir hier. Ein Krebs, der bestimmt nicht streut. Er kriecht so dahin. Er schleppt sich dahin. Von Maulwurfshügel zu Maulwurfshügel. Dörfer, Weiler, Flecken. Was soll Putin tun, er muss ja was tun?

Wir schauen in den Nahen Osten, uuh, huch Hölle!, das raubt uns den letzten Nerv. Für den allzu nahen Osten, sorry, Ukraine, haben wir da nichts mehr übrig.

Michèle Thoma
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