In den letzten Jahren war Sandra Hüller immer wieder in ausgefallenen Rollen zu bewundern. In Zone of Interest (2023 von Jonathan Glazer) gab Hüller – trotz bewusst grotesker Figurenüberzeichnung – überzeugend die verkniffene, vom nationalsozialistischen Denken indoktrinierte Hedwig, Ehefrau des Lagerkommandanten Rudolf Höss. Im selben Jahr spielte sie in Anatomie d’une chute von Justine Triet (Palme d’Or 2023) eine deutsche Intellektuelle an der Seite eines Schriftstellers in den Bergen Frankreichs, der zu Beginn des Films vom Dach ihres Chalets stürzt; ein packendes Justizdrama.
Hoch war dementsprechend der Erwartungsdruck bei Markus Schleinzers Historiendrama Rose, das im Wettbewerb der 76. Berlinale lief. In dem sorgsam durchkomponierten Drama, in Schwarz-Weiß mit viel Schatten gedreht (Kamera: Gerald Kerkletz), spielt Hüller mit Leidenschaft und einer gewissen Wut eine finster dreinblickende Soldatin aus dem 17. Jahrhundert, die gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges eine Schussverletzung im Gesicht mit einer daraus resultierenden Entstellung überlebt hat. Um sich selbstständiger durch die Welt zu bewegen, hat sie gelernt, sich als Mann zu (ver-)kleiden. Die Brüste hat sie sich abgeklebt; ihre Stimme ist tief, der Schritt resolut.
Von ihren Stallknechten nur als „der Meister“ bezeichnet, nutzt Rose ihre landwirtschaftlichen Fähigkeiten, um einen Bauernhof in einem streng protestantischen Dorf in Deutschland zu übernehmen – ein Stück Land, das sie als ihr rechtmäßiges Eigentum beansprucht. Kurzerhand gibt sie sich als ein Soldat aus, der neben ihr im Kampf gefallen ist. Die Szenerie erinnert stark an Das weiße Band von Michael Haneke, 2009.
Das Land, so wird Rose gesagt, ist schwieriger als erwartet, die Jahreszeiten sind hart, in den Wäldern lauern Bären. Indem sie einen davon in einer Anfangsszene erlegt, verschafft sie sich Achtung. Ein Zimmermann (Godehard Giese) bietet Rose eine seiner fünf Töchter an. In der Bedrängnis wählt sie die Älteste, Suzanna (Caro Braun), die – so wird es angedeutet – von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde.
Die einzige Freiheit, die Frauen in dem archaischen Dorfmikrokosmos finden können, liegt in der Gemeinschaft untereinander, und so ist die Hochzeit mit Suzanna ein gelegener Vorwand, um den repressiven Strukturen zu entkommen. Ein Bienenstich lässt ihre Täuschung aufbrechen. Und dennoch ist dieses Ereignis eine Chance, die Beziehung zwischen Rose und Suzanna entwickelt sich zu einem konspirativen Einverständnis. Liegt in nicht klassischen Beziehungsmodellen am Ende die eigentliche Freiheit?
Rose erweist sich als originelles queeres Drama. Es ist aber nicht nur das Schauspiel von Sandra Hüller, auch die Bildsprache des Films, die ländliche Kulisse, die Figurenzeichnung, die Einstellungen – alles ist sorgsam durchkomponiert und ergibt einen spannenden Arthouse-Film, der durchaus den Goldenen Bären verdient hätte.
Regisseur Schleinzer und sein Co-Autor Alexander Brom zeichnen so eine dichte Handlung um eine Frau, die sich selbst als Mann erschuf, um ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Das Drehbuch erinnert stark an Angela Steideles Roman In Männerkleidern (2021).
„In der Hose war mehr Freiheit“, sagt Rose dem Richter (Sven-Eric Bechtolf), vor dem sie steht, bevor sie beginnt, ihre Geschichte niederzuschreiben: „Gen Ende hatte sie begonnen, sich selbst zu verfassen“, hört man. Am Schluss möchte man mit der Heldin, die einer Jeanne d’Arc gleich gefasst zu ihrer Hinrichtung zieht, weinen: „Heute habe ich gedacht, wir sind gar nicht von Gott. Wir haben uns nur erfunden – da war ich ruhiger.“
Um Entwurzelung geht es hingegen in Nina Roza von der Quebecerin Geneviève Dulude-De Celles. Ein Kurator für zeitgenössische Kunst wird von Montreal in seine bulgarische Heimat katapultiert, um dort ein achtjähriges Wunderkind zu treffen, dessen Gemälde durch die Social-Media-Kanäle fluten und den internationalen Kunstmarkt in Aufruhr versetzen. Für Mihail (Galin Stoev) ist es eine Reise zurück zu seinen Wurzeln und zu denjenigen, die er vor 28 Jahren zurückgelassen und von denen er sich entfremdet hat.
Mihail ist skeptisch in Bezug auf den Hype um das Wunderkind. Er glaubt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ein Erwachsener (ihre Eltern, ein Dorfbewohner?) Nina „hilft“, um eine „Wunderkind“-Geschichte zu erfinden und die Karriere des Kindes zu pushen. Doch nachdem er in Ninas Dorf gelandet ist, kommen ihm Erinnerungen an sein Leben in Bulgarien hoch. Er fühlt sich zu dem jungen Mädchen hingezogen, vor allem, weil sie ihn an seine eigene Tochter Rose/Roza erinnert, die im gleichen Alter war, als Vater und Tochter nach dem Tod der Mutter nach Kanada auswanderten. Das Kind, gespielt von zwei Schwestern, den Darstellerinnen Sofia Stanina und Ekaterina Stanina, hat eine fast mythische Präsenz, stellt Mihail direkte Fragen und äußert klar seinen eigenen Willen.
Die Kunstwelt und die Begegnung mit der jungen Künstlerin, Ausgangspunkt des Films, sind nur die Klammer und dienen der inneren Reise in das Ursprungsland des Protagonisten.
Nina Roza ist eine bewegende Reflexion über die zerrissene Identität Eingewanderter. Eine Schallplatte mit alten bulgarischen Hits, eine Taxifahrt von Sofia in die bulgarische Pampa, ein Dorffest, bei dem ein leise gesungenes Lied die Geräuschkulisse dominiert und viel gesoffen und getanzt wird, spiegeln die Sehnsucht des Protagonisten. Vollständig in Kanada assimiliert, spricht Mihail sogar mit seiner ihm entfremdeten Tochter Rose Französisch und nennt sich „Michel“. Wieso er so komisch bulgarisch rede, will ein Dorfbewohner von ihm wissen. „Ich denke auf Französisch“, entgegnet ihm Mihail.
Die wahre Stärke von Nina Roza liegt allerdings in der emotionalen Art und Weise, mit der Dulude-de Celles die komplexe Geschichte auf die Leinwand bringt. Ihr Stil erinnert an Regisseurinnen wie Alice Rohrwacher (etwa La Chimera, 2023); insbesondere die ländliche bulgarische Gegend verarbeitet ihr Kameramann, Alexandre Nour Desjardins, in surreale, traumhafte Momente und teils folkloristisch anmutende Bilder.
Am Ende stellt sich der Hauptdarsteller die Frage, ob er als „Kurator“ ausreichend Sorge getragen habe für das bulgarische Wunderkind, aber auch für seine eigene Tochter. Wenn die Bilder der beiden Kinder in niedlicher Pose wieder und wieder eingeblendet werden, ist das am Ende recht nah am Kitsch, aber die Wehmut, die dieses Drama vermittelt, transportiert sich und bleibt lange hängen.
Dulude-De Celles' langsam surrender Film Nina Roza ist ein von Sehnsucht nach der Ferne und Heimat durchzogenes Werk mit einer kunstvollen Erzählstruktur. So macht der Silberne Bär für das beste Drehbuch durchaus Sinn. Beide Filme, die sich um eine „Rose“ drehen, könnten vom Plot nicht unterschiedlicher sein und beeindrucken filmästhetisch und durch starke Schauspielmomente und Einstellungen.