Im vergangenen Jahr wurde ein Rekord aufgestellt: 5,3 Millionen Flugreisende zählte der Findel, wie Flughafen-Chef Alexander Flassak am Montag der Deutschen Presseagentur mitteilte. Die Tendenz setze sich fort – für dieses Jahr würden 5,7 Millionen Passagiere erwartet, so Flassak. Der „strategisch wichtige Flughafen“ des Großherzogtums habe über die letzten zehn Jahre eine Verdopplung der Passagierzahlen verbucht, erläuterte Mobilitätsministerin Yuriko Backes am Dienstag in einer Chamberdebatte. „Et ass ganz vill geschafft ginn, ech hu vill ze soen", schickte sie ihren weiteren Ausführungen voraus. Eine Milliarde soll in den Flughafen investiert werden, ein umfassender Um- und Ausbau ist bis 2032 geplant. Die Diskussion mit der Ministerin hatte der grünen Abgeordnete Meris Sehovic beantragt, damit sie ihre „strategische Langzeit-Vision“ für den Findel darlegt.
Der Findel sei die „Home Base unserer Luxair und Cargolux“, betonte Backes. Letztere rangiere auf Platz neun der bedeutendsten Frachtfluggesellschaften Europas. Überhaupt sei der Flughafen ein wichtiger Standort für die Wirtschaft – „nächstes Jahr werden neue Büroflächen und Hotels fertiggestellt“, so die Ministerin. Darüber hinaus werden „die Sanitäranlagen renoviert, das Mobiliar in den Terminals ausgetauscht – alles wird komfortabler. Auch eine neue App und E-Gates sind in Planung“, zeichnete Backes eine leuchtende Zukunft für Luxaiport-Kunden. 2024 seien zudem 650 PKW-Stellplätze hinzugekommen; nun zähle der Findel insgesamt 9 000 Parkplätze. Geplant seien außerdem die Instandsetzung der Cargostationen und neue Abstellplätze für Flugzeuge. Sollten die Zahlen wie bisher steigen, dürfte sich die Passagierzahl und das Frachtvolumen bis 2050 verdoppeln. Deshalb stelle sich für die Ministerin die Frage: „Wéi wëlle mer domadden ëmgoen?" Das Wachstum „wolle und brauchen wir für unsere Wirtschaft“. Die Option eines zweiten Flughafens, wie sie zuvor in der Presse angedeutet hatte, sei für sie nicht vom Tisch.
Der Standort war zunächst überschaubar: Ab den 1930er-Jahren etablierte sich die Sportfliegerei auf dem Findel. Lou Hemmer, luxemburgischer Luftfahrtpionier, warb – zunächst erfolglos – bei Politikern für den Ausbau. Schließlich ließ Transportminister Etienne Schmit (Radikal-Liberale Partei) im März 1937 das Gesetz für einen Flughafen-Bau für umgerechnet 112 500 Euro verabschieden. Im Folgejahr übernahm der Sozialist René Blum das Transportministerium; er ließ die Nivellierung des Geländes per Hand statt mit Maschinen durchführen, um Arbeitslosen ein Einkommen zu sichern. Doch schon bald wurden die Arbeiten durch den Kriegsbeginn gestoppt und der Flugplatz von der deutschen Armee besetzt. Als Großherzogin Charlotte 1945 aus dem Exil zurückkehrte, landete sie auf einem provisorischen Flugfeld, das mittlerweile die amerikanische Armee verwaltete. Drei Jahre nach Kriegsende flog die Vorgängerin der Luxair jedoch bereits nach Zürich, Paris und Frankfurt. 1970 kam das Frachtunternehmen Cargolux hinzu; es wurde gemeinsam von Luxair sowie einem isländischen und schwedischen Unternehmen gegründet – die erste Ladung ging nach Hongkong.
Der Findel wird seit seinem Bestehen ständig erneuert und erweitert: Die Start- und Landebahn wurde verlängert und beleuchtet, die Hangars betoniert, der Dienstleistungsbereich umorganisiert. Als Mitte der Siebzigerjahre eine neue Aerogare mit neuen Terminals entstand, staunte das Wort, man könne nun mit „andere Flughäfen wetteifern“, in Luxemburg sei man mit modernster „Technik ausgerüstet“; selbst die „kühnsten Erwartungen der Erbauer des Findels“ seien „weit übertroffen“ worden. Nicht nur „in der zivilen Luftfahrt, sondern auch in der Beförderung von Frachten" habe „der Name Luxemburg einen guten Klang durch Cargolux, die viele ferne Ziele anfliegt“, schrieb die Tageszeitung. An diese fast 80-jährige Geschichte anknüpfend, nannte der LSAP-Abgeordnete Yves Cruchten den Findel in derKammer „ein Symbol für unsere Weltoffenheit“. Der ADR-Politiker Michel Lemaire bezeichnete ihn als „Success Story“ und Transportministerin Yuriko Backes als „Opfer seines Erfolges“.
Aber
Yves Cruchten will kein zweites solches Symbol. „Wo soll denn bitte ein neuer Flughafen entstehen? Sollen wir dafür Wald im Norden abholzen? Oder soll er in den Süden kommen, der ohnehin schon industriell überlastet ist?“, wetterte er vehement gegen einen zweiten Standort. Der Flughafen könne nicht „Low-Cost- und City-Trip-Paradies, Business-Hub, Logistik-Weltmeister und wichtiger Militärflughafen“ gleichzeitig sein. „Et soll een d'Féiss um Buedem loosen“ und an die Lebensqualität der Anrainer sowie an das Pariser Klimaabkommen denken. Sein Vorschlag, um die Expansion auszubremsen, fiel dann jedoch etwas dünn aus: Besser sei es, für Low-Cost-Firmen den Anflug zum Findel zu begrenzen – ein Vorschlag nämlich, der nicht vom EU-Recht gedeckt ist. Weil sich im Verlauf der Debatte auch sonst niemand für einen zweiten Flughafen begeistern konnte, wies die Ministerin gegen Ende der Chambersitzung diese Ambition schließlich von sich: „Ech hu ganz kloer gesoot, datt ech net un engem neien Flughafenprojet schaffen".
Etwas diskreter sprach Yuriko Backes über den Nato-Status des Findel. Der Spatenstich für die „Fuel Farms“ und damit für erhöhte Kerosinkapazitäten erfolgte vor vier Monaten. Diese Arbeiten werden teilweise über das Verteidigungsbudget finanziert, erklärte sie am Dienstag. Seit dem Kalten Krieg gehört der Findel zu den 40 Nato-Flughäfen und ist an eine Nato-Pipeline in Rotterdam angebunden. Derzeit nutzt das Militärbündnis den Findel für Trainingsflüge, insbesondere mit Awacs-Aufklärungsflugzeugen. Im Krisenfall kann das Nato-Bündnis den Flughafen für militärische Tankflugzeuge vorbehalten und die Einstellung der zivilen Luftfahrt forcieren.
„Je t'aime moi non plus“, sagte die DP-Abgeordnete Corinne Cahen als Bonneweger Einwohnerin am Dienstag über den Flughafen. Erinnerungen an Fluglärm reichen bei ihr bis in die Kindheit zurück: „Wann dee russesche Fliger owes um 11 Auer komm ass, hunn d'Fënstere geziddert.“ Die Frage nach der Nachtruhe und städtischen Lärmbelastung zog sich durch fast alle Beiträge. Der Abgeordnete David Wagner (déi Lénk) nannte die Zahl von 7 609 beim Umweltministerium eingetragenen Nachtflügen fürdas Jahr 2025. Was heute ein Dauerthema ist, wurde erst ab 1986 zu einem juristischen Unterpunkt: Die neuen Bebauungspläne des Flughafenbetriebs mussten nun die möglichen Lärmauswirkungen berücksichtigen und mittlerweile wird eine Dreifachverglasung für Anrainer subventioniert.
Cahen versuchte allerdings am Dienstag zu beschwichtigten: Man solle darauf vertrauen, dass neue Flugzeuge weniger Lärm machen. Denn für die liberale Politikerin ist der Flughafen zugleich eine „Visitenkarte“ und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der 90 000 Arbeitsplätze schaffe. Dabei nannte die DP-Abgeordnete ihre Quelle nicht, aber die Zahl deckt sich mit einem Bericht des Amsterdamer SEO-Instituts, das im Auftrag der Flughafen-Handelsorganisation ACI entsprechende Hochrechnungen anstellte. Der Flughafen selbst zählt nämlich eigentlich nur 7 000 Arbeitsplätze. Die Zahl von 90 000 Angestellten entsteht erst, wenn man weitere Faktoren hinzurechnet wie Lohnausgaben der Arbeitnehmer, Tourismus und Produktivitätssteigerungen in der Region – mit anderen Worten: eine höchst spekulative Zahl. Für Cahen gab sie allerdings Anlass zu verlautbaren, dass der Luxairport künftig vielleicht der erste Arbeitgeber sein dürfte. Eine Rechnung, über die man in der CFL-Zentrale müde lächeln dürfte – die Eisenbahn befördert jährlich sechsmal mehr Passagiere und zählt etwa 300 Güterzugabfahrten pro Woche.
Emile Eicher, CSV-Nordabgeordneter, unterstrich seinerseits, der „Fracht-Hub“ sei „ee strategesche Pilier vun der Logistik vum Land“ und sichere die „Krisenresilienz“ der Nation. Ähnlich argumentierte Michel Lemaire: Cargolux sei ein „Big Player“. Er deutete an, man könnte den zivilen Passagierverkehr in die Großregion auslagern, um mehr Platz für die „komplexen Strukturen wie Kühlketten und die Aufbewahrung von Wertgegenständen“ für den Frachtflug zu schaffen. Dass in Hauptstadtnähe eine Cargoflotte eine Art City-Flughafen ansteuert, wurde am Dienstag kaum moniert. Dabei sind die Frachtflugzeuge der Cargolux mit fast 80 Metern Länge nahezu doppelt so lang wie eine Boeing 737 und haben zugleich die doppelte Spannweite.
Das Transportvolumen der mittlerweile 30 Cargolux-Flugzeuge hat sich seit den 1980er-Jahren nahezu verzwanzigfacht. Mit 4 000 Angestellten und Büros in 50 Ländern verbuchte das Unternehmen 2024 einen Nettogewinn von 450 Millionen Dollar – fast fünfmal so viel wie Luxair im gleichen Jahr. Die Gewinne von 2024 seien auf den starken Anstieg des E-Commerce mit Asien zurückzuführen, wie Cargolux in einer Pressemitteilung bekanntgab. Zugleich zeigte sich das Unternehmen weniger optimistisch für die Zukunft: Die Flugfrachtindustrie werde mittlerweile durch die US-Zollpolitik und unsichere geopolitische Konstellationen ausgebremst. Ob sich das Gesamtvolumen und die Passagierzahl am Luxairport, wie Yuriko Backes prognostizierte, tatsächlich linear fortsetzen werden, ist somit mehr als unklar. Als Folge der Finanzkrise 2008 kam es bereits zu einem starken Markteinbruch bei Cargolux, der durch eine Kapitalerhöhung um mindestens 100 Millionen Dollar sowie den Einstieg von Qatar Airways und später des chinesischen Partners HNCA abgefangen werden sollte. Mittlerweile ist Qatar wieder ausgestiegen, aber die HNCA hält neben Luxair mit 35 Prozent den höchsten Eigentumsanteil.
Hinter Mobilitätsministerin Yuriko Backes stellte sich am Dienstag uneingeschränkt Pirat Marc Goergen: „De Findel stärken, heescht eist Land stärken a mir wäerten d'Ministech do bei all Schrëtt ënnerstëtzen.“ Die Abgeordneten der Mobilitätskommission waren unlängst mit der Ministerin auf dem Flughafen-Gelände unterwegs – das sei „interessant“ gewesen, berichtete Goergen. Dabei habe er sie gefragt, ob man nicht auf den Golfplatz nebenan ausweichen könnte. Allerdings nur im Scherz. Er hoffe zudem, dass die oberste Asphaltschicht, die 2022 erneuert wurde und seit 2023 Schäden aufweist, ohne Steuergelder ausgebessert werde. Zugleich nahm er sie in Schutz, als sei er ein DP-Parteikollege: Er sei zuversichtlich, dass sie Vertragsgarantien für die Schadensbehebung mobilisieren könne (an den Bauarbeiten waren unter anderem die Unternehmen Karp-Kneip und Giorgetti beteiligt). Diese Löcher seien auch nicht ihre Schuld, sondern ein Erbe der vorherigen Regierung. Daneben freue es ihn, dass ein Spotterpoint – eine neue Terrasse mit Sicht auf die Abflüge – geplant sei. „Als Kand sinn ech ëmmer um aalen Terminal op d'Terrasse gaang.“
Wird man von der neuen Terrasse aus auch abhebende Privatjets sichten? Die Webseite des Luxairport informiert, dass im Business Aviation Center (BAC) sämtliche Privatjets bis zur Größe einer Boeing 747 parken dürfen. Man garantiere seinen Kunden „ein komfortables und einzigartiges Privatjet-Erlebnis, das ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist“. Am Dienstag sprachen die Abgeordneten das BAC nicht an – weder wie viel Parkraum und Slots Privatflugzeuge beanspruchen, noch welche Pro-Kopf-Emissionen mit dieser Form von Flugverkehr einhergehen. Nur David Wagner merkte an, dass „viele sinnlose Geschäftsreisen“ über den Findel abgewickelt würden.
Statt von Pro-Kopf-Emission zu sprechen, beschwichtigte Yuriko Backes: „Elektrësch Fligerei, do ass vill Potenzial.“ Außerdem habe sich der Luxairport für den Einsatz von „nachhaltigen Treibstoffen" ausgesprochen. In seiner Eingangsrede führte Meris Sehovic aus: „Wéi séier wäert sech de Standuert dekarboniséieren? Dës Transformatioun bei ëmmer méi Ressourceknappheet muss ee virbereeden.“ Luxairport habe bereits Einsparungen vorgenommen und verbrauche „weniger Heiz- und Kühlenergie“. Auch er hoffe auf eine Elektrifizierung der Flugflotte. In den kommenden Jahren mag das für kleinere Flugzeuge der Fall sein, für Frachtflugzeuge ist dies derzeit noch nicht ansatzweise möglich. Mit Blick auf diese Debatte sagte David Wagner, man könnte verstärkt „über die bessere Alternative“ nachdenken, also „den Zug“, und wie man den Schienenverkehr günstiger und reibungsloser gestalten könnte, „mehr Reiseziele anbieten und Durchfahrten von Nachtzügen organisieren“ könnte.