In Sarah Kohms Inszenierung von Mémoire de fille werden die Erlebnisse des Sommers 1958 zur kollektiven Erfahrung. Spiegel werfen das eigene Ich zurück

Ein unbeschwerter Sommer

d'Lëtzebuerger Land du 30.01.2026

Der Wirbel um Annie Ernaux scheint abgeklungen. Dennoch sind die Werke der Literaturnobelpreisträgerin, über deren Écriture plate der französische Literaturbetrieb lange die Nase rümpfte, sehr präsent – gerade unter Feministinnen. Denn das Schreiben ist bei Ernaux seit ihren Anfängen ein Akt der Selbstermächtigung. In ihre Bücher kann man eintauchen und findet sich mit sich und ihr in einer vergangenen Zeit wieder.

Mémoire de fille ist die Spurensuche der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buchs 76-jährigen Ernaux nach ihrer eigenen Vergangenheit. Sie sucht in ihrem Gedächtnis nach dem Mädchen von damals in einer Ferienfreizeit und erkennt sich in diesem Prozess wieder. Während Annie sich euphorisch an diesen Sommer 1958 als einen Höhepunkt ihres Lebens erinnert, äußert sich der Missbrauch, den sie erlebt hat, körperlich: Jahrelang sind Menstruations- und Essstörungen eine körperliche Reaktion auf eine psychische Verletzung, die unter Schichten von Tabus und eigenen naiven Illusionen begraben liegt. Jahrzehnte später, beim Schreiben, erkennt Ernaux diese Ereignisse als das an, was sie waren: Erfahrungen sexueller und verbaler Gewalt.

Die Inszenierung von Mémoire de fille untersucht ihre Geschichte als Möglichkeitsraum und nimmt dabei den Blick der Öffentlichkeit auf den Körper einer Schauspielerin als Ausgangspunkt. In Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Veronika Bachfischer, Dramaturgin Elisa Leroy und der Schauspielerin Suzanne de Baecque untersucht Sarah Kohm in der französischen Fassung diese Erfahrung, die nur scheinbar überwunden wurde, in einem Monolog.

Ernauxs Ursprungstext wurde angereichert um Passagen von Veronika Bachfischer. Ironischerweise wurde die Inszenierung erstmals auf Deutsch 2022 für die Schaubühne in Berlin kreiert (dort werden seit Jahren die Stücke der Dreier-Clique Didier Eribon, Édouard Louis und Ernaux rauf- und runtergespielt), während in Luxemburg die später wieder ins Französische übertragene Fassung zu sehen ist.

Kohm stellt die Zuschauer/innen vor die Frage: Ist es möglich, jenseits männlicher Zuschreibungen eine universelle Sprache für weibliches Begehren zu finden?

Das Bühnenbild von Lena Marie Emrich ergibt Sinn. Es besteht aus einem großen Paravent aus vier Spiegeln, die sich klappen lassen, und ermöglicht eine Reflexion auf mehreren Ebenen. Die Spiegel reflektieren die Gestalt der Hauptfigur, reflektieren ihre Emotionen, spiegeln mitunter jedoch auch das Publikum. An einem rosa Karussell wird sich die Schauspielerin im Strudel ihrer Emotionen drehen.

An einem Metallhaken oberhalb der Bühne baumelt eine schwarze Lederjacke; sie kündet irgendwie vom abwesenden Täter. Ein Symbol des Patriarchats? Wenn Suzanne de Baecque die Bühne zunächst schleichend, in Tanktop und Schlabberhose betritt, stellt sich angesichts ihrer schlaksigen, ungelenken Art und einer (gespielten) Unsicherheit, die sie versucht – wie die Jugendlichen der Generation Z – hinter Cool-Sprech-Phrasen zu verstecken, erstmal Skepsis ein.

Erstaunlicherweise ist es nicht Ernaux’ Text, den die Schauspielerin vorträgt, sondern Gedanken über ihren eigenen Auftritt. So wird die vierte Wand direkt durchbrochen, indem die Schauspielerin ihre eigene Rolle und ihren Körper auf der Bühne reflektiert.

Das einstige Foto des Personalausweises von Annie, das Titelblatt des Buches, wird kurzerhand an die Spiegelwand geklebt. Dann die bekannten Sätze aus ihrem Roman: „Alles an ihr ist Verlangen und Stolz...“ Die Stimme der Schauspielerin de Baecque hallt nach und zu Musik aus den 1950er Jahren wird das Publikum in die Zeit ihrer Jugend versetzt. Rasch verschwimmen die Ebenen und tatsächlich findet Frau sich für kurze Momente wieder.

Dafür bedarf es eigentlich nicht mehr des Hinweises, dass Bertolucci Der letzte Tango in Paris (1972) und die Vergewaltigungsszene seiner Zeit drehte, ohne die betroffene Schauspielerin (Maria Schneider) in seine Absicht eingeweiht zu haben, damit ihr Spiel umso authentischer wirkte.

Am Ende werden die Spiegeltüren zu einem Käfig zusammengeklappt. Die Schauspielerin (deren Einzelperformance kontinuierlich stärker wird) zieht sich darin zurück, zieht sich um. Geht aus. Die Erinnerungen werden sie weiterhin martern, aber wenn sie heute zurückblickt, kann sie die Eindrücke ironisch bewerten und darüber lachen.

So wie die Zuschauerinnen sich über die Erinnerungen der Darstellerin Suzanne de Baecque auf der Bühne des Kapuzinertheaters amüsieren können – etwa, wenn sie komikhaft schildert, wie unbeholfen ihr „erstes Mal“ ablief.

Dass diese Inszenierung tatsächlich bei der Zuschauerin individuelle Erfahrungen wachzurufen vermag, ist wahrscheinlich auch Resultat einer gelungenen Zusammenarbeit unter Frauen. Sie ist auch ein Trostpflaster. Ein bisschen wie Gisèle Pelicots später Prozess.

Denn es gibt der Zuschauerin mit: Du bist mit Deinen Erfahrungen allein und doch sind diese kollektiv. – Erfahrungen, die Frauen über Jahrtausende machen mussten.

So ist die Inszenierung von Mémoire de fille ein kleiner Aufschrei. Bisweilen ist die Performance Suzanne de Baecques etwas schrill-überdreht geraten. Für eine Adaptation von Ernaux’ Prosatext ist es jedoch eine sehenswerte Inszenierung, die der Buchfassung weitere Ebenen hinzufügt und den Blick der Zuschauer/innen weitet. Gewalterfahrungen sind universell. Und doch sind diese individuell. Eine jede ist mit ihrer eigenen Geschichte allein.

Mémoire de fille nach Annie Ernaux. Mit Texten von Veronika Bachfischer und hinzugefügten Texten von Suzanne de Baecque. Mit: Suzanne de Baecque (Schauspiel). Regie: Sarah Kohm. Dramaturgie: Elisa Leroy. Simultan-Interpretation: Franziska Baur. Sound-Kreation: Leonardo Mockridge; Technischer Direktor: Matthieu Bordas; Bühnenbild und Kostüme: Lena Marie Emrich. Regieassistenz: Yasmine Ghozzi. Kostümbildnerin und Accesoires: Lucie Lizen; Maske und Frisur: Coraline Monfort; Licht-Design: Thomas Clément de Givry. Mit den Stimmen von: Lou Chauvain, Mélodie Richard, Elizabeth Mazev, Christine Guerdon. Produktion: Marko Rankov; Produktionsmanagerin: Théa Schmitt; Produktion: Cité européenne du théâtre Domaine d’O, Montpellier; Koproduktion: Théâtre de la Ville Paris, Théâtres de la Ville de Luxembourg

Anina Valle Thiele
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