Immer mehr Menschen wollen Bücher nicht nur allein lesen, sondern sie gemeinsam besprechen. Besuch in einem Bookclub

Zwischen den Zeilen

d'Lëtzebuerger Land du 19.12.2025

Dem Lesen wohnt ein Widerspruch inne: Als Tätigkeit ist es ein eher einsames Unterfangen. Doch währenddessen erlebt man oftmals Grundlegendes, das man teilen, diskutieren und auseinanderpflücken möchte. Aus diesem Impuls heraus haben Bookclubs die letzten Jahre auch in Luxemburg Einzug gehalten. Größere Gemeinden, kulturelle Einrichtungen, Schulen und Museen organisieren sie. Und es gibt private: Buchliebhaber/innen, die ihre Lektüre gemeinsam besprechen wollen, vernetzen sich über Meetup und Social Media. Die letzten Jahre entstanden mehrere: der feministische Between the Lines Club, der lediglich Bücher von Schriftstellerinnen bespricht; der Panafro Book Club, der afroamerikanische Lektüre vorstellt; es gibt einen Integrationsbuchclub, den der Verein Ons Heemecht Neuankömmlingen anbietet. Und es gibt sie, wenig überraschend, auch in Bücherläden.

Jeff Thill sitzt in seiner Buchhandlung Quaichleker Bichereck am Marktplatz in Echternach, bietet Marzipantee und „intensiven Pfefferminztee“ an. Draußen herrscht grauer Dezember, es ist kaum jemand unterwegs, der Weihnachtsmarkt wird aufgebaut. Second Hand- und neue Bücher stehen auf den Schränken und Regalen: Literaturklassiker, Crime, Fantasy, Romantasy, Young Adult, Kinderbücher. Der Laden ist mit Sofas und Sesseln gespickt und fühlt sich wie ein äußerst bücherreiches Wohnzimmer an. Vor sechs Jahren fand der Englischlehrer, er müsse sich ein Projekt für die Rente vorbereiten. Mit vier anderen baute er den Buchladen auf; das Ganze in einem Lokal, das ihm gehört. Der Ruhestand kam, seine Mitarbeiter machten anderes, das Projekt blieb. Heute läuft der Laden mit einer Handvoll Personal, die alle ehrenamtlich arbeiten. Sie organisieren unter anderem Social Media und Lesungen – und wie es sich gehört auch einen Bookclub.

Einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist dabei eine der Haupt-Herausforderungen. Auch aus diesem Grund handelt es sich bei den ausgesuchten Büchern in den meisten Bookclubs um sogenannte „middle-brow“-Literatur. Die Auswahl wurde im Quaichleker Bichereck bisher den Mitgliedern überlassen. Sie legten einen Zettel mit ihrem Lieblingsbuch in eine Kiste, dann wurde ein Buch ausgelost. Allerdings führte das dazu, dass keine richtige Diskussion entstehen konnte, erklärt Jeff Thill. Zu viel Nischen-Bücher, zu viel Genre-Literatur wurde vorgeschlagen. Deswegen hat das Team die Funktionsweise umgestellt: Es entscheidet selbst über das Programm, mit Moderation. Das führt dazu, dass Menschen kommen, die tatsächlich auch an dem vorgeschlagenen Buch interessiert sind, sei es ein Sachbuch oder rezente Belletristik. „Es gibt etwa 1 000 verschiedene Geschmäcker – und dann kommt noch die Mehrsprachigkeit hinzu.“ Jeff Thill stellt fest, dass gewisse Bücher immer wieder ausgesucht werden. Doch er möchte sich etwas wegbewegen von einer Art Buch, das schnell bekannt, gelesen und dann vergessen wird. Ihm schwebt vor, demnächst Das Geschenk der belgischen Autorin Gaea Schoeters, ein Spiegel-Bestseller, zu lesen.

Für die Diskussion sieht er eine durchaus literaturanalytische Herangehensweise vor: Passagen auszuwählen und diese zu analysieren – auf Ironie zum Beispiel; wie sie sich mit dem großen Ganzen verknüpfen, ob sie funktionieren oder nicht und aus welchem Grund. Spezifische Fragestellungen führen zu besseren Diskussionen, meint Jeff Thill. Was für Menschen zieht der Bookclub an? Zu Beginn kamen 18 Personen, zwischen Anfang 20 und Mitte 80. Heute besteht eine Kerngruppe von sechs Leuten weiter, die sich allesamt gut kennen. Jeff Thill möchte das nun aufbrechen, damit es kein Privatclub wird und wieder Bewegung reinkommt. Auch deshalb soll eine neue Formel ausprobiert werden. „Wichtig ist das Bauchgefühl zum Buch.“ Weitere A und O’s sind Toleranz und Respekt – die Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten. Er erinnert sich an einen Bookclub, für den er ein anspruchsvolles Buch von Lex Jacoby vorgeschlagen hatte. Es schlug hohe Wellen, die Leute regten sich auf, weil es zu avantgardistisch sei. „Ich habe es nie wieder versucht.“

Die Geschichte der Bookclubs, wie wir sie heute kennen, reicht mehr als 200 Jahre zurück. Im Vereinigten Königreich trafen sich Frauen Mitte des 18. Jahrhunderts, als sie noch keinen Platz an Hochschulen und Universitäten hatten, in ihren Wohnzimmern, um sich mit Männern intellektuell auszutauschen. Säkulare Buchgruppen entwickelten sich in den USA im 19. Jahrhundert, parallel zum Ausbau von Vereinen und sozialen Initiativen. Allen voran wohlhabende weiße Frauen begannen, sich zum gemeinsamen Lesen zu treffen. Ihr Hauptziel war, ihren Geist und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Gleichzeitig fand der Ausbau von öffentlichen Bibliotheken statt. Ein Schlüsselmoment war 1868, als mehreren Kolumnistinnen der Eintritt zu einem New York Presse Club Event mit Charles Dickens verwehrt wurde. Prompt gründeten die Frauen den ersten Arts-and-Sciences-Verein für Frauen und tauften ihn Sororis. Sie besprachen Bildung, Literatur, Philosophie und Wissenschaft. In den 1920-er Jahren gründete Harry Scherman dann das populäre Book-of-the-Month-Format. BOTM wählt Gegenwartsliteratur für Abonnenten zum monatlichen Einheitspreis aus und vermarktet sie.

1996 startete Oprah Winfrey ihren Bookclub: Statt tiefgreifender literarischer Analyse ging es der Moderatorin eher um Selbsthilfe und Persönlichkeitsentwicklung, darum, durch die Lektüre mehr über sich selbst zu erfahren. Bücher, die das Oprah-Label trugen, wurden zu Verkaufshits. (Der eher der high-brow Sparte gehörende Autor Jonathan Franzen freute sich nicht darüber, ausgewählt worden zu sein.)

Heute geben Influencer/innen den literarischen Ton in Online-Clubs an. Musikerinnen wie Florence Welch und Dua Lipa und Schauspielerinnen Dakota Johnson und Reese Witherspoon haben ihren eigenen Bookclub auf ihren socials. Die literarischen Diskussionen haben sich demokratisiert. Sie sind aus den Salons hinaus ins gelebte Leben: Es wird in der Bouneweger Stuff gebookclubbed, im privaten Wohnzimmer, in Buchhandlungen, auf der Kinnekswiss.

Eine Vielfalt an Perspektiven bereichert Diskussionen. Doch Bookclubs werden zum Großteil von Frauen besucht, die auch den Hauptanteil an Belletristik-Käuferinnen ausmachen. Menschen suchen Verbindung zu Gleichgesinnten. Doch eine Gefahr für Buchklubs, die zu spezifisch und hermetisch werden, liegt darin, dass sie an der Realität vorbeigehen und letztlich zur weiteren lebensechten Echokammer verstarren. Die Diskussion droht sich zu verengen, wenn alle die gleiche Meinung zum Buch teilen, eventuell ähnliche Lebenseinstellungen und Situationen sie verbinden.

Ein verregneter Mittwochabend, im Buchladen Ernster in der Belle Étoile sitzen Menschen vor ihren Notizen und trinken Kaffee. Der Vorweihnachtskonsum bricht sich auch nach 18 Uhr in den Kleider- und Dekoläden des Einkaufszentrums Bahn. Heute findet der monatliche englischsprachige Bookclub statt, den die Buchhändlerin Laurène Margeridon abwechselnd mit ihrer Kollegin Kim Jaeckels leitet. „Normalerweise bieten wir den Leser/innen etwas an, das ‚friendlier‘ ist. Dieses Mal nicht“, sagt Laurène Margeridon. „Le livre est percutant.“ Gegenstand der Diskussion ist ein popkulturelles Phänomen, nämlich Miranda Julys Roman All Fours. Die New York Times nannte das Werk etwas kurzgegriffen die „First Great Perimenopause Novel“; Frauen vernetzten sich in globalen Whatsapp-Gruppenchats, nachdem sie das Buch gelesen hatten, um etwas in ihrem Leben zu verändern und sich gegenseitig zu unterstützen. Das Buch polarisiert, es wird geliebt oder gehasst. Der Plot ist relativ simpel: Eine namenlose Narratorin, Künstlerin im mittleren Alter, verheiratet und Mutter eines Kindes, soll zu einer Arbeitsreise aufbrechen, hockt jedoch zwei Wochen in einem Motel. Dort renoviert sie ihr Zimmer aufwendig und erforscht ihre Lust. Es geht um Befreiung und Begehren, um Rollen und Ausbruch, kurz, um die aufgeklärte, progressive Kunstwelt aus Los Angeles. Das soll nun in der Belle Étoile besprochen werden. „Meistens kommen drei bis vier Personen, manchmal sechs bis sieben – je mehr Mainstream, desto mehr Leute“, sagt Laurène Margeridon. Heute kommen lediglich zwei. Es sind, wie eigentlich immer, Frauen.

Ariane, eine 52-jährige Griechin, die seit dem Anfang des Bookclubs zu den Diskussionen kommt, ist nicht begeistert. Es habe ihr zwar gefallen, „irritiert worden zu sein“. Doch sie habe sich überhaupt nicht mit der Erzählerin identifizieren können. Diese sei egoistisch und empathielos. „Und dass sie sich derart oft selbst befriedigt – wo nimmt sie diese Zeit her? Vielleicht bin ich einfach zu konservativ.“ „Sie will entdecken, sie hat eine andere Art von Einstellung“, entgegnet ihr die Buchhändlerin. Ihre Selbstsucht sei ihr interessantestes Merkmal, genau wie ihr Freiheitsdrang. „Die Erzählerin ist eine Naturgewalt.“ Die Buchhändlerin bewundert ihren Nonkonformismus. Andra, rumänische Anwältin, konnte das Buch nicht zu Ende lesen. Sie hat nach etwa 40 Seiten aufgehört. „Ich habe es versucht, aber es ging nicht.“ Sie führt das aufs Timing zurück – es passe einfach gerade nicht in ihr Leben. Generell komme sie, zum Bookclub, weil sie sich gerne andere Perspektiven anhöre – und weil sie die Lektüre liebt: „Wenn ich lese, hört der Lärm um mich herum endlich auf.“

Ein Generationen-Clash zeichnet sich ab: Während die Millennial-Moderatorin dem Feminismus der Erzählerin folgen kann, können die beiden anderen Frauen sie weniger nachvollziehen. Nach einer halben Stunde verlagert sich die Diskussion auf Allgemeineres: Frauenrechte, Abtreibung und Autonomie. Die Auswahl erfolgt beim Ernster über persönliche coups de coeur, aber auch über Umfragen im Netz. Das nächste Buch dürfte konsensfähiger sein: Anxious People, ein Bestseller vom schwedischen Autor Fredrik Backman. Ariane sagt, sie habe kürzlich ihre Bücher aussortiert. All Fours behalte sie jedoch, weil es so anders sei. „Mir hat gefallen, dass es mir nicht gefallen hat.“ 

Note de bas de page

Sarah Pepin
© 2026 d’Lëtzebuerger Land