Wer eine vorgezogene Altersrente nicht gleich mit 57 oder 60 antritt, kann sich auf eine später höhere Rente freuen. Das ist seit 2003 so, dank majorations échelonnées. Als Anreiz aber funktioniert das nicht. 2012, vor der letzten großen Pensionsreform, stellte der damalige Präsident der Rentenkasse CNAP, Robert Kieffer, fest: „L’introduction des majorations échelonnées n’a eu qu’un effet extrêmement limité sur le report de l’âge à la retraite.“ Am 2. Januar 2025 äußerte CSV-Sozialministerin Martine Deprez sich ähnlich: „[À] ce stade, le mécanisme des majorations proportionnelles augmentées n’a pas eu pour effet d’inciter les assurés à prolonger leur durée de vie active“, schrieb sie in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der CSV-Abgeordneten Diane Adehm.
Natürlich war das anders gedacht. Die majorations échelonnées sind ein Produkt des Rententischs, der 2001 unter dem damaligen DP-Sozialminister Carlo Wagner tagte. Ab 2003 galt: Wer mindestens 55 Jahre alt war und mindestens 38 Jahre Rentenversicherungskarriere hatte, bekam für jedes Jahr, das über 55+38=93 Jahre hinausging, einen um 0,01 Prozent erhöhten Wichtungsfaktor zuerkannt. Dieser Faktor bestimmt,wie stark die Lohnmasse, auf welche Beiträge gezahlt wurde, in die Rente eingeht. 2003 lag der Faktor generell bei 1,85 Prozent. Wer mit 60 nach 40 Versicherungsjahren in Rente ging, überschritt die Schwelle „93“ um sieben Jahre, hatte Anspruch auf majorations échelonnées und einen Faktor von 1,92 Prozent. Der ergab auf einen im Schnitt zweifachen Mindestlohn in der gesamten Karriere eine Lohnersatzrate für die Rente von brutto 90,15 Prozent, beim dreifachen Mindestlohn 85,7 Prozent Ersatzrate. 40 Versicherungsjahre konnten auch Studienzeiten umfassen.
Dass jemand, der mit 60 in Rente ging, nicht schlecht belohnt wurde, deutete schon an: Dem Bonus fehlte ein klares Ziel. Schon beim Renteneintritt mit 60 nach 35 Versicherungsjahren (mit Studienjahren vielleicht) gab es zwei Mal 0,01 Prozent extra. Beim frühestmöglichen Eintritt, im Alter von 57 und nach 40 reinen Beitragsjahren, vier Mal 0,01 Prozent.
Robert Kieffer stellte 2012 heraus, dass in den Jahren 2008 bis 2010 – fünf bis sieben Jahre nach Inkrafttreten des Über-93-Jahre-Bonus – nur eine Minderheit der Versicherten den Renteneintritt verschob. Um nur rund zwölf Monate, was auch andere Gründe als die majorations échelonnées haben konnte. Dass Martine Deprez vor elf Monaten schrieb, 2013 bis 2023 hätten mehr als 80 Prozent der neuen Rentner/innen von dem Bonus profitiert, aber das Renteneintrittsalter habe stets bei knapp 61 Jahren gelegen, muss zu denken geben: Seinen Zweck erfüllt der Bonus noch immer nicht. Er geht in der Rente unter und kostet Geld.
Die Reform von 2012 änderte die Regeln leicht. Die majorations échelonnées werden bis 2052 immer attraktiver, aber in einer Alterskombination, die strikter wird. 2052 müssen 100 Jahre aus Lebens- und Versicherungsjahren vorliegen. Ein regelrechter Anreiz zur Rente mit 65 aber wird auch das nicht sein. Zum Beispiel wird es 2052 einen Bonus nach 38 Versicherungs- und 63 Lebensjahren geben, weil die Summe aus beiden ein Jahr mehr macht als 100.
Was der Bonus seit 2003 gekostet hat, kann die IGSS nicht sagen. Schätzungen seien ihr erst seit 2013 möglich, demnach könnten die majorations échelonnées drei bis vier Prozent der jährlichen Ausgaben der CNAP für Altersrenten ausmachen. Drei Prozent hätten 2024 rund 160 Millionen Euro entsprochen, die überwiegend zum Fenster hinausgeworfen wurden. Doch 2012 hatte eine versicherungsmathematische Modellierung, die der damalige CNAP-Präsident ebenfalls anstellte, interessante Hinweise geliefert. Sie betrachtete für Kohorten von Versicherten die Auswirkungen der majorations échelonnées auf die langfristige Finanzierbarkeit ihrer Rentenversprechen.
Mit dem Beitragssatz von 24 Prozent auf die Lohnmasse sind die Versprechen langfristig nicht zu finanzieren (mit den 25,5 Prozent ab 2026 auch nicht). Stand 2012 würde nach Kieffers Analyse im Privatsektor 70 Jahre später die Finanzierung der Rentenversprechen für einen Mann beim Renteneintritt mit 60 ohne majorations échelonnées 43,5 Prozent seiner Beitragsmasse kosten, für eine Frau 38,3 Prozent. Mit den majorations wären es 44,6 Prozent für Männer und 39,4 Prozent für Frauen. Die neuen Regeln ab 2013 würden diese Verhältnisse verbessern, aber der beabsichtigten Rentenkürzung um 15 Prozent über fünf Jahrzehnte „fortement“ entgegenwirken. Die politisch interessante Frage, warum das so sein soll, wenn der Anreiz nicht reizt zum méi laang schaffen, wurde noch nicht laut gestellt.