Michel Lemaire rückt für die ADR ins Parlament nach. Ein Porträt

„Gesonden Hausverstand“

Michel  Lemaire im ADR-Fraktionsbüro
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 14.11.2025

Michel Lemaire begrüßt im Fraktionsbüro der ADR im geblümten Hemd und roter Hose. Milka-Schokoladenriegel und gelbe Blumen stehen im Konferenzsaal auf dem Tisch, die National- und Zivilflaggen schmücken die Ecken. Die Mutter des zukünftigen Abgeordneten ruft an. „Sie will wissen, ob es dem Jungen gut geht“, sagt Michel Lemaire. Er wird sie später zurückrufen. „Ein bisschen Zucker am Morgen“, kommentiert Lemaire die weiteren Schokobonbons, die die parlamentarische Assistentin Taylor King auf den Tisch setzt. „Wat bass du ee léiwen“, ruft sie Michel Lemaire zu.

Am 20. November rückt Michel Lemaire für den Nord-Abgeordneten Jeff Engelen ins Parlament nach. Von ihm übernimmt er die Mitgliedschaft in den Ausschüssen Landwirtschaft, Umwelt, Sport, Öffentlicher Dienst, Arbeit und Mobilität. Mit Jeff Engelen verabschiedet sich der zweitletzte Handwerker aus dem Parlament. Michel Lemaire ist gelernter Germanist und bekennender Fan von Rilke, Georg Trakl und Gottfried Benn. Er schreibt ab und an klassisch anmutende Gedichte, wenn er sich von den „Musen geküsst“ fühlt. Er will „das Volk“ repräsentieren, vor allem jenes aus dem Norden – denn er sieht sich als „einer vom Volk“. Wo die ADR besonders gut ankommt, wohnen weniger Akademiker. Michel Lemaire ist viel auf Dëppefester unterwegs. Im Clerfer Gemeinderat bringt er zur Sprache, was die Menschen ihm an Sorgen zutragen.

Der 37-Jährige hatte eigentlich vor, Sekundarschullehrer zu werden. Nach seinem Studium in Graz machte er den Concours und unterrichtete ein Jahr lang im Rahmen des Stage. Dann wurde eine Stelle im ADR-Büro frei, und er entschied sich für eine politische Karriere. „Es stimmt, dass ich hier isolierter bin, als ich es in der Schule gewesen wäre. Doch ich wollte die Entscheidung auch nicht treffen, lediglich um wählbarer zu sein.“ Der Mangel an Berufserfahrung ist ihm anzumerken: Konkrete politische Ideen, die aus der gesellschaftlichen Lebensrealität kommen, hat er bisher wenig. Zweieinhalb Jahre wird er im Parlament Zeit haben, sich in handfeste Dossiers einzuarbeiten.

Lemaire wuchs in Marnach auf, wo er neben Marie-Josée Jacobs wohnte. Seine Eltern stammen aus Ostbelgien, mit vier Jahren nahm er die luxemburgische Staatsbürgerschaft an. Sein Vater war Ingenieur bei Goodyear, die Mutter erzog die drei Söhne. Sie seien CSV-Wähler gewesen, erzählt er, zuhause sei jedoch nicht viel über Politik gesprochen worden – es sei einfach ein traditioneller „Eisléker Stot“ gewesen.

2018 beschrieb er auf RTL seine Politisierung. Er sei in die Politik getrieben worden von der „normaler Roserei, dass een an de rietsen Eck gedriwwen gëtt, wann een de gesonden Hausverstand benotzt“. Von „oben herab“ sei einem beim Ausländerwahlrecht-Referendum durch die Blume diktiert worden, wie man zu denken habe. Dass er sich für die ADR entschieden hat, führt er auf Reden von Fernand Kartheiser und Gast Gibéryen zurück, die er damals entdeckte. Er bewunderte ihre „Ehrlichkeit“ und „Authentizität“, es sei ein „Bauchgefühl“ gewesen, beizutreten. Ein Silvester-Essen später hatte Fernand Kartheiser Lemaires rhetorisches Talent und seine Fähigkeit, Reden zu schreiben, erkannt. Michel Lemaire wurde bald Präsident von Adrenalin, der Jugendorganisation, dann 2020 Bezirkspräsident Norden. 2023 konnte er seine Stimmenzahl in seiner Heimatgemeinde fast verdoppeln und zog in den Gemeinderat ein; bei den Parlamentswahlen belegte er 2023 wie 2018 den zweiten Platz im Nord-Bezirk und konnte sein Resultat verbessern.

Im Gespräch wirkt er überlegt, vorsichtig. Er praktiziert gekonnt die Art von populistischem doublespeak, die charakteristisch für ADR-Abgeordnete geworden ist. Es folgt eine Positionierung, dann eine Relativierung davon – damit Zuhörer das heraushören können, was sie möchten. Wenn es um Familienpolitik geht, dann findet Michel Lemaire, dass es einem Kind am meisten Stabilität gibt, wenn ein Elternteil sich zuhause kümmert. Doch „andere Modelle“, etwa, dass das Kind mehr Zeit in einer Krippe oder Betreuungseinrichtung verbringt, schließe er nicht aus und verurteile sie nicht, fügt er hinzu. Er bezeichnet sich als Christen und er hoffe, dass es einen „guten Gott“ gibt, es bleibe jedoch ein Restzweifel. Er hänge zuhause gerne Kreuze auf, aber nicht „creepy oder so“. Er wirkt in seinem Wesen älter, als er ist.

Bisher hat Michel Lemaire politische Kategorisierungen abgelehnt, da er „nicht weiß, was links und rechts eigentlich bedeutet“. Doch dass er sich der ADR während ihrer Neuorientierung als ideologischere, nach rechts rückende Partei angeschlossen hat, ist kein Zufall. Mit den Partei-Ideologen Fernand Kartheiser, Fred Keup und Tom Weidig ist er auf einer Linie: Sprache als Vehikel nationaler Identität ist ihm wichtig, das Kernproblem sieht er im demografischen Wachstum des Landes. Im Gemeinderat sei er eher ruhig und stelle wenig Fragen, erklären Gemeinderatsmitglieder. Bei einschlägigen Themen wie Gleichberechtigung und interkulturellem Zusammenleben wache er jedoch auf. Die Formulierung des vivre-ensemble interculturel etwa ist Michel Lemaire zuwider, er zieht das Wort Integration vor, denn der Begriff des Zusammenlebens klinge nach einem nebeneinander Herleben. Wenn es um Frauenförderung gehe, finde er das übertrieben, heißt es weiter aus dem Gemeinderat.

„Ech wëll déi wonnerbar Dualitéit tëscht Mann a Fra net um Sockel vun enger menschenveruechtender Gender-Ideologie afferen (...), ech wëll net, datt an der Mett vun der Gesellschaft d’Diskussioun gefouert gëtt, ob mir e Puppelche bis zum néngte Mount däerfe doutmaachen oder net. Dat wär – dat ass (!) – de Verloscht vun enger kollektiver Onschold, déi e wesentleche Faktor fir eis moralesch Gesondheet duerstellt“, schrieb Michel Lemaire in einem „Zu Gast“-Beitrag in dieser Zeitung vor fünf Jahren. Die Ehe für alle und das derzeitig gültige Abtreibungsgesetz bezeichnet er mehrmals als „Status Quo“. Würde die ADR daran werkeln gehen, wenn es eine Regierungsbeteiligung gebe? Nein, das würde die Partei nicht, sagt er.

Wann fängt das Leben für ihn an? „Wenn der Embyro ein Bewusstsein entwickelt, ein Zeitpunkt, der auch in der Medizin umstritten ist“, sagt Michel Lemaire. Eingriffe in die Sprache wie das Gendern sehe er als Sprachwissenschaftler kritisch. Lemaire hütet sich jedoch vor jeglicher feindlichen Aussage. Trans-Frauen seien biologisch gesehen keine Frauen, doch er respektiere alle Menschen – und beginnt von seiner Freundschaft mit einer ehemaligen Kandidatin für Déi Lénk, Ludivine Passau, zu erzählen, die Trans ist. (Letztere gibt an, ihrem guten Freund keine Stimme geben zu wollen, jedoch gerne mit ihm Wein zu trinken und sich über seine Wahlerfolge zu freuen. Sie ist mittlerweile zu einer Biergerlëscht gewechselt.) Auf ähnliche Weise verteidigt er Tom Weidigs Like unter einem queerfeindlichen Kommentar auf Facebook: Die Ideologie sei das Problem, nicht die Menschen. Die Ausweitung der Grenzen dessen, was in der ADR salonfähig ist, was geduldet wird, trägt Lemaire mit. Gleichzeitig sei die ADR die einzige Option für Menschen, die eine andere Meinung haben als die des Mainstreams, erzählt er. Die rechtsextremen Parteien kämen europaweit gut bei den jungen Menschen an, weil so wenig Brücken gebaut, Menschen abgestempelt und ihre Sorgen nicht ernst genommen würden. Die Antwort auf die wachsende soziale Prekarität liege in Diskussionsrunden und im „Brückenbauen“.

Als internationales politisches Vorbild gibt Michel Lemaire den CSU-Politiker Franz Josef Strauß an, der eine Persönlichkeit gewesen sei und sich nicht „völlig angepasst“ habe. Ein Zitat des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten hat Michel Lemaire auf seine Bürotür geklebt: „So wie ein Hund unfähig ist, sich einen Wurstvorrat anzulegen, so sind Sozialdemokraten unfähig, Geldvorräte anzulegen.“

Im August verließ Michel Lemaire zum ersten Mal den Kontinent Europa, um mit seinem Freund Maurice Muller, Präsident der DP Wiltz, nach Kalifornien zu reisen. „Am Yosemite Nationalpark fillen ech mech un eis Éisleker Koppen erënnert“, schrieb er während des Urlaubs auf Facebook.

Sarah Pepin
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