Teil der Pensionsreform, die die Regierung nach der Sozialronn am 3. September festhielt, sind auch zwei steuerliche Maßnahmen: ein abattement de maintien dans la vie professionnelle (AMVP) und eine höhere Absetzbarkeit der Prämien für einen privaten Altersvorsorgevertrag. 9 000 Euro jährlichen Abschlag auf das versteuerbare Einkommen soll erhalten, wer seine vorgezogene Altersrente noch nicht antritt, obwohl es möglich wäre. Weil entweder 40 Beitragsjahre für eine Rente ab 57 erreicht sind, oder für eine Rente ab 60 ein Mix aus Beitragsjahren, freiwilliger Versicherung, Nachkauf von Rentenrechten oder Ergänzungszeiten, etwa für ein Studium. Die Absetzbarkeit der Prämien für einen privaten Sparvertrag wiederum soll von 3 200 auf 4 500 Euro im Jahr steigen.
Beide Neuerungen stehen in Gesetzentwurf 8640 des Finanzministers. Darin wird der Steuerausfall durch die höhere Absetzbarkeit der Prämien für Sparverträge auf 20 bis 25 Millionen Euro jährlich geschätzt. Der neue Abschlag AMVP könne, falls 4 000 Personen davon Gebrauch machen, neun bis elf Millionen kosten.
Dass 4 000 Personen, sowohl im Privatsektor wie im öffentlichen, ihren Eintritt in eine vorgezogene Rente verschieben könnten, hört sich nach viel an. Für den Privé allein käme das einem Drittel der 11 980 Anträge auf eine vorgezogene Rente gleich, die bei der nationalen Rentenkasse CNAP im vergangenen Jahr eingingen. Dagegen erhielt die CNAP 4 512 Anträge auf die reguläre Altersrente mit 65.
Was illustriert, wie Menschen, die sich dem Rentenalter nähern, abwägen, wann die Rente hoch genug sein wird, um früher als mit 65 gehen zu können. Wie abgewogen wird, ist schwer zu sagen, schon weil 60 Prozent der im Privatsektor Rentenversicherten eine „gemischte Karriere“ aus Beitragszeiten in Luxemburg und im Ausland haben und nicht bekannt ist, welche Renten aus dem Ausland bezogen werden. Doch die Generalinspektion der Sozialversicherung schrieb vor einem Jahr in „Les départs en retraite 2011-2023“ (Cahier statistique Nr. 20), in jenen 13 Jahren hätten 43,2 Prozent der jeweils neuen Rentner/innen im Privé ihren Eintritt in den Ruhestand verschoben, im Schnitt um drei Jahre. Vor allem taten das – zu rund 60 Prozent – Menschen mit gemischter Karriere. Am Ende kamen sie auf durchschnittlich 43,9 Jahre aus Beitrags- und Ergänzungszeiten. Der mittlere Rentenbetrag für sie lag dennoch 2023 nur bei 1 614 Euro im Monat, gegenüber 3 570 Euro Rente für eine komplett in Luxemburg geleistete Beitragszeit. Denn im Schnitt haben Rentenversicherte mit gemischter Karriere 20 Jahre lang Beiträge im Ausland entrichtet.
Wenn Einwanderinnen und Grenzpendler mehrheitlich schon länger arbeiten als nötig, dürften vor allem sie geneigt sein, vom Steuerabschlag AMVP zu profitieren. Das Finanzministerium rechnet vor: Auf ein ajustiertes versteuerbares Jahreseinkommen von 50 000 Euro ergäbe das AMVP 3 034 Euro Steuerersparnis in der Steuerklasse 1, sowie 3 756 Euro auf ajustierte 100 000 Euro.
In welchem Verhältnis für die öffentlichen Finanzen ein Steuerausfall von jährlich neun bis elf Millionen durch das AMVP und andererseits der Gewinn fürs Rentensystem aus einer längeren Beitragszeit liegen könnten, wurde noch nicht aufgeschlüsselt. Auch in der Sozialronn im September nicht. Doch weil bei längerem Verbleib im Berufsleben länger Rentenbeiträge auf Gehälter fin de carrière entrichtet werden, obendrein zu einem ab 1. Januar leicht erhöhten Beitragssatz, dürfte der Steuernachlass einen insgesamt positiven Effekt haben.
Dagegen wird die höhere Absetzbarkeit der Prämien für private Altersvorsorgeverträge ein Steuergeschenk (und eines an die Finanzbranche), das den Staat Geld kostet. Es wird kaum etwas daran ändern, dass solche Verträge zur Optimierung der Steuererklärung und zum Kapitalsparen populär sind, aber nicht als Zusatzrente. Wer 30 Jahre lang jeweils 4 500 Euro in einen Rentensparplan steckt, wird eine Rente erhalten, die auf eine Bezugsdauer von um die 30 Jahren angesetzt ist. Monatlich wird daraus kaum mehr als die eingezahlte Prämie, mit Zinsen und eventuellen Überschussbeteiligungen zwar, aber ohne Index und Renten-Ajustement – man ist ja nicht im Umlageverfahren. Die meisten Sparer werden sich wie bisher ihr Kapital auszahlen lassen. Und vielleicht Luc Frieden nachsehen, dass er im état de la nation so viel Aufregung um méi laang schaffen auslöste.