Nach etwa dreißig Minuten Gespräch in seinem Büro im Kulturministerium muss sich Pierre Reding verbessern. Er hatte sich „Anwalt“ der luxemburgischen Sprache genannt. Muss unsere Sprache verteidigt werden? „Nein, das war der falsche Ausdruck. Ich bin eher ein Promoteur“, sagt er. Seit Januar 2023 ist er Komissar für die luxemburgische Sprache. Was dem Namen nach eine polizeiliche Detektivarbeit nahelegt, ist eine Art Dreh- und Angelpunkt für die Förderung der Sprache. „Ech sinn dofir do, ze kucken, dass d’Lëtzebuergescht zu Sengem kënnt.“
Pierre Reding ist in Wormeldingen aufgewachsen, an der Mosel, und bietet gerne den Wormer Dialekt an, den er gleich mit Beispielen illustriert: Körrech bedeutet Kierch, eine Kierch sei hingegen eine herkömmliche Kiischt. Seine Eltern betrieben das 1975 eröffnete Café Wormer Stuff, bekannt für seine „grouss Hameschmieren, Pâté, Zoossiis a Kachkéis“, wie in den Archiven des Wort nachzulesen ist. Er wuchs dort auf, war ein „Wiirtschaftsjong“. Das Café lief gut, die Eltern waren beschäftigt. In den 90er-Jahren feierte die Sektion Wormer-Canach der DP Bälle in der Wormer Stuff. (Mit Henri, Viviane, Roy oder Jean-Claude Reding ist Pierre Reding nicht verwandt.) Nach dem Aufnahmeexamen ging der einzige Sohn ins Internat nach Echternach. Es waren die 70er- und 80er- Jahre, die 160 anderen Jungs waren eine Mischung aus „Bauernsöhnen, Kinder von Geschäftsleuten und Söhnen von Vätern, die selbst bereits im Echternacher Internat waren“. Anlässlich des ersten Tages für die Lëtzebuerger Sprooch erinnert Reding sich in einem Artikel in der „Warte“ an die Nachmittage, als er mit seinem Vater in die Stadt fuhr, dort in „Gilberts“ Eisenwarenhandlung Schrauben kaufte und nachher eine gelbe Limo im Lentzen Eck bekam.
Bereits als Jugendlicher pflegte Pierre Reding eine gute Beziehung zum Luxemburgischen. Als die Diplomfeier anstand, wurde er gebeten, die Rede zu halten, Französischlehrer wollten ihm dabei helfen. Doch er hielt die Rede 1984 auf Luxemburgisch. „Ich habe nicht im Traum daran gedacht, das auf Französisch zu machen.“ Luxemburgisch war zwar seit 1912 im Lehrplan verankert, doch gesprochen wurde es im Lyzeum damals kaum. Dabei erklärt Pierre Reding, eigentlich nie eine Postkarte in seiner Muttersprache geschrieben zu haben: Je nach Kontext seien Urlaubsgrüße entweder auf Deutsch oder Französisch verfasst worden. Das liege an der Mündlichkeit des Luxemburgischen, dessen Rechtschreibung erst kürzlich festgelegt wurde. In den letzten Jahren habe der Gebrauch der Sprache sich mehr und mehr verschriftlicht, unter anderem aufgrund von Messenger-Apps und Social Media, sagt Reding.
Nach dem Abitur ließ er sich am Iserp zum Lehrer ausbilden. Acht Jahre arbeitete er in der Grundschule, bevor er Schul-
inspektor wurde. Die Staatskarriere führt ihn ans Script, wo er didaktisches Sprachmaterial für den Kindergarten ausarbeitet, sowie in die Integrationsarbeit. Er arbeitet sich hoch zum Ersten Regierungsrat im Bildungsministerium, war 2022 dort Chef der Generaldirektion für Integration. Zwischenzeitlich hatte er die Präsidentschaft der Jury des nationalen Literaturwettbewerbs inne. Als Hobbys gibt er Schwimmen und Singen an.
Pierre Reding driftet öfter mal ab, erzählt Anekdoten, die ihm in den Sinn kommen. Er wirkt jovial – und wie ein Vermittler. Luc Marteling, ehemaliger Direktor des Zentrum fir d’Lëtzebuerger Sprooch (ZLS), sagt, Reding sei scharfsinnig und habe einen clin d’œil, er sei „kein typischer Staatsbeamter“. Ab und an muss er Gemüter beruhigen. Regelmäßig erreichen ihn Beschwerden von Menschen, die finden, es werde nicht genügend Luxemburgisch gesprochen. Zuletzt war es jemand, der die Sprachenpolitik des Staatsexamens nicht zufriedenstellend fand. Manchmal sind es Menschen, die sich über die mangelnde Sprachkenntnis von Pädagog/innen beschweren.
Die Sprache hat einen Ritt hinter sich. 1984 wurde sie unter Pierre Werner als offizielle dritte Landessprache anerkannt. Die Einschreibungen für Luxemburgischkurse haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren verdreifacht und liegen heute am INL bei mehr als 5 000. Eine weitere Institutionalisierung erfolgt seit 2017, als der Conseil de la langue luxembourgeoise (CPLL) gegründet wurde. 2018 trat ein Gesetz in Kraft, das die Basis für das ZLS und die Rolle des Kommissars legte (Reding nennt das „einen Quantensprung“). Das ZLS funktioniert komplementär zu Redings Tätigkeit als technischer Gegenpart. Direktor ist seit rund einem Jahr Alexandre Ecker, der seit mehr als 20 Jahren am Lëtzebuerger Online Dictionnaire (LOD) mitarbeitet. Er bezeichnet Reding als „dynamisch“, „jemand, der es mag, wenn man vorankommt“. Reding ist der zweite Kommissar, vor ihm war es Marc Barthelemy, ehemaliger Mathematik-Lehrer.
Das Themenfeld ist politisch beladen. In Teilen der Gesellschaft und der Politik hat eine Fusion zwischen Identität und Sprache stattgefunden. Auch aus diesem Grund ist es Eric Thill, der das Luxemburgische seit seinem Amtsantritt im Kulturministerium beheimatet, wichtig, stets die Mehrsprachigkeit zu betonen. „Wie weit wir mit dem Luxemburgischen gehen, ist eine sozio-politische Frage“, sagt Reding. Er begrüßt, dass die Sprache ihren Weg in die Verfassung gefunden hat, findet jedoch, dass sie nicht neben die Flagge und die Natio-
nalhymne gehört, sondern ihr ein eigener Paragraf gebührt hätte. Er begründet dies damit, diese nationalen Symbole seien statisch, während eine Sprache etwas Lebendiges sei. Zudem plädiert Reding dafür, die Mehrsprachigkeit ebenfalls in der Verfassung zu verankern.
Eine stärkere Politisierung der Sprache ist ab den 80er-Jahren zu beobachten. Zivilgesellschaft und NGOs erachten die Sprache als Brücke für eine heterogen werdende Schulbevölkerung. Jean-Claude Juncker erklärt sie als unumgänglich für die soziale Kohäsion. Zuletzt ist es die ADR, die seit dem Referendum über das Ausländerwahlrecht 2015 immer wieder öffentlichkeitswirksam stichelt und ein defensives Narrativ der Sprache mitbegründet hat. In parlamentarischen Anfragen ihrer Fraktion spiegelt sich die Behauptung, dass die Sprache verschwinde: Spricht das Luxair-Personal Luxemburgisch? Warum wurde das „Moien“-Schild am Flughafen weggenommen? Warum trägt das INL keinen luxemburgischen Namen? („Die Leute müssen es finden können“, merkt Pierre Reding in diesem Kontext an.) Fernand Kartheiser versuchte sogar eine Rede im EU-Parlament auf Luxemburgisch zu halten – und wurde prompt unterbrochen. Neu ist das Thema für die ADR nicht. Bereits in den späten 90er-Jahren erkundigte sich der Abgeordnete Gast Gibé-
ryen über den Gesundheitszustand der Sprache, danach immer wieder. Die damalige Kultur-Staatssekretärin Octavie Modert (CSV) antwortete ihm 2008 auf eine parlamentarische Anfrage, er brauche sich nicht zu sorgen, denn an luxemburgischen Begriffen für Anglizismen werde gearbeitet: „Beispiller kënne genannt ginn, ewéi Handziedel fir Flyer, Verknëppung fir Link, Problemléisung vir Troubleshooting a Stippi fir Wildcard, fir der nëmmen e puer ze nennen.“
Die Luxemburger pflegen eine ambivalente Beziehung zu ihrer Mundart. „Do ass warscheinlech sou e klenge Mannerwärtegskeetskomplex“, sagte Claudine Muno dazu vor mehr als zwanzig Jahren im Buch Lëtzebuergesch: Quo Vadis? Sie machte ihn auch daran fest, dass es wenig kulturelles „Gepäck“ gebe, mit dem man sich identifizieren könne. Diese Ambivalenz führt in Gesprächssituationen etwa dazu, dass Muttersprachler/innen schnell „switchen“, auch wenn die Gesprächspartner Luxemburgisch lernen und üben wollen. „Mir kéinten eis scho méi mengen“, sagt Pierre Reding. Das Schulsystem hinterlasse seine Spuren: Luxemburgisch werde als Sprache „vun doheem“ und „ënner eis“ verstanden. „Ein Gedicht von Anise Koltz habe ich in der Schule nie gelesen.“ Seine Mission ist es auch, die Literatur sichtbarer zu machen.
Ein Phänomen, das er ebenfalls beobachtet, sind Ausländer, die sich mehr um die Sprache sorgen als die ferventesten Muttersprachler. Sie melden sich bei ihm mit Fragen wie: Warum steht der luxemburgische Name der Ortschaft in den Bahnhöfen nicht über dem französischen? Sie hätten ein anderes Verständnis zu ihrer eigenen Sprache aus ihren Heimatländern und könnten unser Verständnis von Mehrsprachigkeit nicht immer ganz nachvollziehen, sagt Reding. Expats, die ihre Kinder in internationale Schulen schicken, würden sich einerseits sorgen, ob sie genug Luxemburgisch lernen, um später die Staatsbürgerschaft annehmen zu können, andererseits gebe es jene, die sich fragen, weshalb das Kind sich nun damit herumplagen müsse, immerhin bleibe man wohl nur zwei bis drei Jahre im Land.
Reding gibt an, keine Parteikarte zu haben, er wolle neutral sein. Dann sagt er den Lieblingssatz von Luxemburgern, die in der Öffentlichkeit stehen: Er unterscheide zwischen seiner privaten Meinung und seinem öffentlichen Amt. Völlig abwegig ist das für einen hohen Beamten nicht. Eine Abneigung den Liberalen gegenüber hat er jedenfalls nicht, denn sowohl das Bildungs-, als auch das Kulturministerium werden von blauen Ministern geführt. „Ech fille mech wéi en ongleewege Chrëscht, deen zugläich sozial a liberal ass“, erklärt Reding seine politische Ausrichtung. Franz von Assisi sei ein großes Vorbild, aber genauso Jürgen Habermas. „Ich bin eklektisch unterwegs.“
Er müsse schon viele Anfragen der ADR beantworten. Es sei auch nicht immer alles „komplett falsch“, was sie beanstande, kommentiert Reding. Wie man die Sprachensituation bewerte, komme aber darauf an, ob man das Glas „halb voll oder halb leer“ sehen wolle. Die stärker gewordene Angst beobachte er insbesondere, seitdem das Englische in Luxemburg präsenter ist, also seit etwa zehn Jahren – denn das sei eine Fremdsprache, die nicht von sozial Schwächeren gesprochen werde, was andere Sorgen schüre. Er wagt sich weiter vor, nennt den öffentlichen Dienst eine „Festung“.
Den Aktionsplan für die Sprache, der 40 Maßnahmen vorsieht, bezeichnet Reding als eine Art Hausaufgabenbuch. Darunter finden sich punktuelle Maßnahmen, wie eine Studie zur Jugendsprache, aber auch laufende, wie etwa die Förderung hiesiger Literatur und Kultur in den Lehrplänen oder das Erlernen der Sprache im Sozial- und Gesundheitssektor. Derzeit müssen Pfleger/innen, die in Altenheimen arbeiten, ein B1-Zertifikat nachweisen.
Wie viele Menschen Luxemburgisch sprechen, soll bis 2027 mit dem Statec ermittelt werden. Die letzten Zahlen stammen aus dem Jahr 2021, damals gaben 275 400 Personen die Sprache als Hauptsprache an, 10 000 mehr als zehn Jahre zuvor, in Anbetracht des demografischen Wandels jedoch proportional weniger. Die Unesco führt Luxemburgisch als Minderheitssprache. Pierre Reding missfällt das: „Wir sind nicht mehr verwundbar.“