„Ech sinn an d’Vicky verléiwt“, sagt Dylan Vieira Da Silva. Vicky – das ist die Tochter von Sylvie und Guy Meyers-Weis. Sie führen gemeinsam einen Demeter-Hof auf dem Windhof, den Dylan Da Silva bald übernehmen wird. Aber die Verwandtschaftskonstellation ist nicht der einzige Grund, weshalb er seit sechs Monaten nicht mehr zur Anwaltskanzlei fährt. „Draußen arbeiten, ein Unternehmen leiten, mit Tieren in Kontakt sein, Maschinen reparieren, Produkte vermarkten – auf dem Hof mangelt es nicht an vielfältigen Tätigkeiten“, fasst der 26-Jährige sein neues Berufsleben zusammen. Nicht alles jedoch sei einfacher als zuvor: Im Büro treffe man auf Kollegen, auf dem Hof sei man häufig allein. „Mee ech verkaafen léiwer ee gutt Stéck Fleesch wéi eng Prokuratioun.“ Die Arbeit auf dem Hof sei weniger abstrakt: Im September sät man seinen Weizen, im Jahr darauf bäckt man sein Brot daraus.
Aber ein bestimmter Schatten bleibt derzeit nicht aus: Die Sonne scheint an diesem Dienstagnachmittag, aber die Hühner müssen im Stall bleiben – wegen der Vogelgrippe hat das Landwirtschaftsministerium Stallpflicht angeordnet. Rund um den Holzbau erstreckt sich ein großer Auslaufbereich. Auf dem von Hühnern aufgekratzten Boden liegt der weiße Pyrenäen-Hirtenhund nun alleine. Er soll Hühnerdiebe vertreiben; doch derzeit ist er arbeitslos. Zu Beginn der Woche meldete die Veterinärinspektion (Alva), sie habe bereits 18 an der Vogelgrippe verendete Wildvögel registriert; betroffen seien vor allem Reiher und Kraniche. Die Ansteckungsgefahr für Hühner, Enten und Gänse bleibt hoch – im Nachbarland Deutschland wurden bereits mehr als 500 000 Geflügel in Betrieben getötet, um die Ausbreitung einzudämmen.
Durch ein Fenster in der Tür sieht man braune Isalois- und weiße Dekalb-Hühner. Ihre Federn sind sauber. Einige scharren unten am Boden, andere schlafen auf der oberen Etage. Ursprünglich lebten Hühner im Wald – die Etagenkonstruktion soll diese Waldebenen nachbilden. Insgesamt leben 1 865 Hühner auf dem Hof. Täglich werden rund 1 500 Eier eingesammelt. Circa ein Fünftel davon wirdfür 65 Cent im Naturata-Laden Meyers-Haff Windhof verkauft. Die restlichen vier Fünftel der Eierproduktion werden an den Biogroßhändler Biogros geliefert, welcher die Demeter-Eier in die restlichen Naturata-Läden verteilt. Die Produktions- und Lohnkosten belaufen sich auf etwa 30 Cent. „Wa mer ee Virus-Fall hätten, dat wier hefteg. Da gi se all gekeult", sagt Sylvie Meyers. Ein Huhn kostet den Betrieb im Einkauf 13 Euro. Hinzu kommen Impfrechnungen und der Freikauf des Bruderhahns für acht Euro – jener männlichen Küken, die später keine Eier legen und normalerweise getötet werden, bei Demeter jedoch weiterleben dürfen. Sollte die Alva eine Keulung anordnen, bezahle der Staat den Wert der getöteten Tiere sowie den der Eier, die zerstört werden müssen, erläuterte das Landwirtschaftsministerium diese Woche gegenüber dem Land. Je nach Fall komme die Staatskasse teilweise auch für den Produktionsausfall auf sowie die Desinfektionsmaßnahmen.
Der Demeter-Landbau geht auf den im 19. Jahrhundert geborenen Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie zurück, der vor genau 100 Jahren starb. Die Landwirtschaft war – neben der Medizin und der Waldorfpädagogik – das letzte von Steiner entwickelte Praxisfeld. Der Philosoph und Esoteriker traf 1924 auf Einladung des Grafen Karl von Keyserlingk im schlesischen Koberwitz (heute in Polen gelegen) ein, um in einer Vortragsreihe vor rund 100 Interessierten, größtenteils Berufslandwirten, die Grundlagen einer anthroposophischen Landwirtschaft zu legen. Steiners Vorträge liegen heute als Landwirtschaftlicher Kurs vor. Darin wird das agrarische Wirtschaften der Anthroposophen als Teil geistiger und kosmischer Einflüsse beschrieben – in Abgrenzung zur „materialistischen“, auf rein biochemische Prozesse zentrierten Agrarwissenschaft. Denn für die Anthroposophen hängt alles mit allem zusammen: Planeten, Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen. Und in diesen Lebenszusammenhängen soll kein synthetischer Dünger auf die Felder gebracht werden, sondern biodynamische Präparate.
In Luxemburg gibt es derzeit sieben Demeter-Betriebe, das ist im Verhältnis zu den – laut Ibla – insgesamt 149 Bio-Höfen wenig. Aber die Demeter-Landwirte sind in der „Bio-Vereenegung“ stark vertreten, im geschäftsführenden Direktorium sitzen die Anthroposophie-nahe Daniela Noesen, sowie Änder Schank; im sechsköpfigen Verwaltungsrat die Demeter-Landwirte Tom Kass und Jos Schank. Weltanschauungen können motivationsstiftend wirken; vermutlich erklärt das den hohen Anteil an Anthroposophen, die sich im Interessenverein der Bio-Landwirtschaft engagieren. Demeter ist heute weltweit verbreitet, auch in Nepal, Brasilien und Australien. Der Großteil der anthroposophischen Landwirtschaft konzentriert sich jedoch auf den deutschsprachigen Raum und die Niederlande sowie Winzerstandorte in Frankreich.
Sylvie Meyers-Weis war von dem biodynamischen Hof von Jos Schank in Hüpperdingen der „fasziniert“. Zwei Wochen war sie auf dem Dottenfelderhof in Hessen, um Einführungskurse in die anthroposophische Landwirtschaft zu besuchen. „Damals hat mich der Gedanke eines Kursleiters geprägt, der sagte, die Hörner seien die Krone der Kuh“, erinnert sie sich. Auch die Idee, in Kreisläufen zu wirtschaften, etwa das eigene Futter für die Tiere selbst herzustellen, habe sie überzeugt. 1997 stellten sie und ihr Mann Guy den Betrieb schließlich um. Durch Demeter, sagt sie, sei sie „ins Fühlen gekommen“. Sie „beobachte die Tiere, denkt sich in sie hinein“ und sei dadurch allgemein empathischer geworden. Besonders in ihrer Mutterkuhherde habe sie festgestellt, „wie zärtlich die Kühe untereinander und mit dem Stier umgehen – eine Kontaktaufnahme findet durch Lecken im Gesicht und am Körper statt“. Auch der Stier springe nicht einfach auf eine Kuh: „Der beflirtet sie zunächst, und erst wenn die Kuh einverstanden ist, daerf en drop.“ Die Kühe seien soziale Lebewesen.
Hinter dem Haus liegt der Limousin-Stall. Die meisten der 24 Rinder stehen im Außenbereich in der Sonne oder fressen Heu am Fressgitter. Manche Hörner sind gerade, andere wachsen spitz nach oben. „Ohne Hörner wären sie für mich wie amputiert", sagt die Bäuerin. Ihre älteste Kuh ist 15 Jahre alt. Eine Katze mit zerzaustem dunklem Fell trottet über den Futtertisch der Mutterkuhherde. Sie ist 20 Jahre alt. Auf dem Windhof werden Tiere als Lebewesen betrachtet, aber zugleich müssen sie wirtschaftlich rentabel bleiben: Nach 15 Monaten werden die Eier der Hühner kleiner, die Schalen dünn; es lohnt sich nicht mehr, sie weiter zu füttern. Dann werden sie zu Suppenhühnern.
Vermarktet werden das Fleisch und die Eier des Windhofs im von Oikopolis geführten Naturata-Markt, der direkt an den Bauernhof angrenzt. An der Spitze des Bio-Vermarktungsunternehmens Oikopolis stehen ebenfalls anthroposophisch geprägte Personen; laut Eigenbeschreibung beruht das „Unternehmensleitbild“ auf den „Schwerpunkten Agrikultur, faire Zusammenarbeit, soziales Miteinander und Bildung“. Naturata erstattet dem Meyers-Weis-Hof den Verkaufspreis, sodass der Hof über diese Lebensmittelkette eine Form der Direktvermarktung betreiben kann. „Wir stellen keinen durch US-Zölle bedingten Einfluss auf unsere Preise fest und befürchten keine großen Auswirkungen durch Mercosur, da wir in einer Nische produzieren“, analysiert Dylan Vieira Da Silva. Im Naturata-Windhof befindet sich zwischen den Lebensmittelregalen ein großes Fenster, von dem aus man in den Limousin-Stall sehen kann. Dem jungen Bauer gefällt die transparente Arbeitsweise. Er kann sich zudem vorstellen, künftig pädagogische Angebote oder Einrichtungen in den Hof zu integrieren.
Die Anthroposophie ist ambivalent. Sie betont den Wert der individuellen Freiheit, die Imaginationskraft des Menschen und die in Eigenwertigkeit von Lebewesen – so viel zu ihrer positiven Seite. Aber diese Weltanschauung geht zugleich von einer geistigen Welt aus, die durch "übersinnliche Erkenntnis" erkannt werden könne, wie es der Religionswissenschaftler Helmut Zander festhält. Auch das muss kein Problem sein. In Krisenzeiten aber kann das anthroposophische Milieu sich in Erzählungen über unsichtbare Kräfte verlieren, die in unproduktiven Unsinn münden. So wurde in der Coronapandemie von einigen Anthroposophen behauptet, das Virus sei harmlos, die Impfung gefährde die Seele und Krankheiten würden ganz persönliche Botschaften übermitteln.
Als klar war, dass die zwei Töchter und zwei Söhne von Sylvie und Guy den Hof nicht weiterführen wollen, wollten die Eltern ihn zunächst verpachten. „Der Hof wird seit 1835 in sechster Generation geführt. Die letzten 30 Jahre haben wir den Boden gepflegt und genährt – wir wollten nicht, dass sein Gedeihen einfach aufhört“, sagt die Demeter-Bäuerin. Aber es hat sich kein geeigneter Nachfolger gefunden. „Für diesen Beruf muss man sowohl praktisch als auch betriebswirtschaftlich denken können – und hier das passende Profil zu finden, war nicht möglich“, erläutert die Landwirtin. Nachdem der Rekrutierungsprozess gescheitert war, reifte in Dylan die Vorstellung, den Betrieb selbst zu übernehmen. Nun muss er laut Agrargesetz zwei Jahre im Betrieb mitarbeiten, bevor er in die Stiefel der Führungskraft steigen darf. Wie finden die Eltern von Dylan Da Silva seine berufliche 180-Grad-Wende? Seine Mutter war dagegen, sie befürchtete, sein Studium sei nun umsonst gewesen. „Mäi Papp war méi chill", sagt der junge Landwirt. Ein weiterer Betriebsleiter, der eine berufliche Umorientierung ähnlich wie Da Silva vollzogen hat, ist der ausgebildete Bänker Jean-Louis Colling, der den Karelshaff von seinen Schwiegereltern übernommen hat (d'Land 20.05.2016)
Im Landwirtschaftlichen Kurs hat Rudolf Steiner festgelegt, dass der Demeter-Landbau mit biodynamischen Präparaten arbeiten soll. Diese bestehen aus Mist, Mineralien oder Pflanzenteilen. Die bekannteren sind das Horn-Mist- und das Horn-Kiesel-Präparat; sie werden aus Kuhhörnern gewonnen, die mit Mist oder Quarz über sechs Monate im Boden vergraben wurden. „Für mich sind sie wie Homöopathie für die Erde“, meint Sylvie Meyers-Weis. Gerade der Kiesel, der in Hörnern heranreifte, die sich zuvor nach dem Sonnenlicht streckten, bringe die Wesenhaftigkeit von Licht auf die Felder. Demeter-Betriebe erzielen gute Resultate bezüglich ihres Humusaufbaus. Allerdings konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen den Präparaten und diesen Resultaten auf naturwissenschaftlicher Basis nachgewiesen werden. Vielmehr wird vermutet, dass sie den Boden schonender bearbeiten – durch leichtere Traktoren, sanfteren Pflugeingriff und durchdachte Fruchtfolgen. In der Leitungsebene des Demeter-Anbaus mit ihrem Sitz am Goetheanum im schweizerischen Dornach stört dies allerdings wenige – es komme nicht wirklich auf naturwissenschaftliche Befunde an, denn die Präparate würden letztlich eine meditative Haltung fördern.
Hat sich Dylan schon in den Landwirtschaftlichen Kurs eingelesen? Er verneint, er habe lediglich die Demeter-Richtlinien studiert. Dylan sagt, er habe eine Affinität zu Mathematik und eine B-Sektion abgeschlossen. Der anthroposophische Gedanke aber, dass alles mit allem zusammenhängt, dass sich eine Art spirituelles Band durch alles ziehe – der spreche ihn an.
Quereinsteiger und Nachwuchs
Ende 2024 brachte die grüne Abgeordnete Joëlle Welfring eine Motion über Quereinsteiger in der Landwirtschaft im Parlament zur Abstimmung ein. Darin forderte sie die Regierung auf, Wege zu finden, um die Übernahme landwirtschaftlicher Betriebe zu erleichtern – etwa durch einen besseren Zugang zu Land, den Ausbau von Ausbildungsangeboten für Quereinsteiger und den Abbau administrativer Hürden. Die Motion wurde mit 58 Ja-Stimmen angenommen. Hintergrund der Debatte war der stetige Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe: Seit 1990 hat sich deren Zahl nahezu halbiert – auf mittlerweile etwas mehr als 1 800 Höfe. In einer Umfrage des Service économique rural (SER) aus dem Jahr 2021 gaben 44 Prozent der befragten Landwirte über 54 Jahre zudem an, ihre Nachfolge noch nicht geregelt zu haben, und 30 Prozent erklärten, sie sei noch ungewiss. Die Landwirtschaftsministerin nannte die Zahlen Ende Juni in der Revue „ein Warnsignal“. Auch den Jungbauern geht das Thema nahe: Im November 2024 luden sie Denise Fischer-Keer von der Universität Bonn ein, um einen Vortrag zum Thema „Unternehmensnachfolge durch die Brille der positiven Psychologie: Den Wandel mit Resilienz und Werten gestalten“ zu halten. Denn – so nimmt es der Sektor wahr – kann die Aussicht keinen Nachfolger zu finden, sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken.
Vergangenen Freitag wurde nach Lösungen gesucht, um den Nachwuchs in der Landwirtschaft zu erhöhen. In Remich wurde in einem Workshop mit dem Ministerium, der Landwirtschaftskammer und den Jugendvereinen der Bauerngewerkschaften festgehalten, eine „Charme-Offensive“ zu planen – um den Beruf öffentlichkeitswirksam aufzuwerten. Darüber hinaus wird ein Leitfaden zur Betriebsübernahme ausgearbeitet, eine „Flächen- und Betriebsbörse“ errichtet, um Betriebsübergeber und mit potenziellen Übernehmern in Kontakt zu bringen, und versucht, Garantie- und Zinsvergünstigungsprogramme für junge Landwirte zu erzielen. Dass Quereinsteiger ohne familiären Zugang zu Land in einem großen Betrieb Fuß fassen kann, bleibt in Luxemburg aufgrund der hohen Landpreise eher unwahrscheinlich. Als „aktiver Landwirt“ wird nur anerkannt, wer mindestens drei Hektar bewirtschaftet, eine abgeschlossene landwirtschaftliche Ausbildung oder eine längere Praxiserfahrung vorweisen kann. So will man sicherzustellen, dass landwirtschaftliche Beihilfen an Landwirte und nicht an Investoren gehen.
Korrigiert gegenüber der gedruckten Ausgabe des Land vom 7.11.2025. In dieser stand, Sylvie und Guy Meyers Weis hätten drei Töchter. Nachgetragen wurden auch die Vertriebswege der 1500 Eier, die der Betrieb täglich einsammelt.